Wirtschaftstrends Russland Jahreswechsel 2007/08. Sektoraler Ausblick
Kfz-Branche
Die Produktion von Kraftfahrzeugen und Zubehörteilen bleibt eine der
dynamischsten Branchen in Russland. Grund ist vor allem das Engagement
ausländischer Automobilkonzerne. In den vergangenen zweieinhalb Jahren
konnte die Regierung 16 Investitionsvereinbarungen für die so genannte
"industrielle Fertigung" mit internationalen und einheimischen
Unternehmen abschließen. Im Rahmen dieses Modells bekommen
Automobilhersteller Zollvergünstigungen für Komponenten zur
Fahrzeugmontage in Russland. Das hat die wichtigsten Branchenvertreter
ermutigt, Pläne für eigene Produktionsstätten im Land zu entwickeln.
Laut Industrieministerium werden dadurch 3 Mrd. $ in die Kfz-Industrie
des Landes investiert und zusätzliche Jahreskapazitäten für rund 1
Million Fahrzeuge geschaffen.
Von Januar bis September 2007 wurden in Russland 936.000 Pkw
produziert, ein Plus von 9% gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Bereits
ein Drittel davon waren Fahrzeuge ausländischer Marken, wobei allein
auf die russischen Fabriken von Ford und Renault rund 100.000
entfielen. Während die Montage ausländischer Modelle in den ersten drei
Quartalen 2007 um 74% gewachsen ist, sank die Pkw-Produktion der
traditionellen russischen Hersteller um fast 9%. Trotz des Engagements
ausländischer Investoren deckt die Inlandsproduktion bei weitem noch
nicht den Bedarf an Neuwagen. Die Pkw-Importe steigen daher weiter
beachtlich. Von Januar bis September 2007 legten sie gegenüber dem
Vorjahreszeitraum um 55% auf 1,125 Mio. Fahrzeuge zu. Das Wertvolumen
kletterte von 8,7 Mrd. $ auf 15 Mrd. $.
Analysten von PricewaterhouseCoopers (PWC) rechnen bis 2011 mit
einer Verdoppelung des russischen Marktvolumens für Pkw von 45 Mrd. $
(2007) auf 96 Mrd. $. Die Verkaufszahlen dürften bis dahin auf jährlich
4,5 Mio. Fahrzeuge steigen und Russland damit zum größten Pkw-Markt in
Europa machen. Gründe seien vor allem die schnell steigenden
Realeinkommen und der Anstieg der über Kredit gekauften Autos (von 25
auf 50%). In den vergangenen fünf Jahren hat sich auch der
durchschnittliche Verkaufspreis von Neuwagen in Russland deutlich
vergrößert: von 7.500 $ auf 17.000 $. Bis 2011 rechnet PWC hier mit
einem Wert von 20.000 bis 22.000 $.
Der Boom bei der Kfz-Produktion lockt allmählich auch die
internationalen Zulieferer nach Russland. Die großen Automobilkonzerne
versuchen dabei, ihre traditionellen Lieferanten von Komponenten zu
einem Engagement in der Nähe ihrer neuen russischen Fabriken zu
bewegen. Volkswagen zum Beispiel hat sich neben seiner neuen Fabrik in
Kaluga ein 400 Hektar großes Grundstück für die Ansiedlung von
Teileherstellern gesichert.
Russische Kfz-Zulieferer (nach Angaben des Industrieministeriums
rund 2.000) müssen angesichts der ausländischen Konkurrenz um ihre
Position fürchten. Sie suchen nun verstärkt nach
Kooperationsmöglichkeiten mit internationalen Herstellern. Die
Autokonzerne AvtoVAZ und Severstal-Avto planen eigene Industrieparks
für die Ansiedlung von Teileproduzenten.
Neben dem steilen Wachstum des Kfz-Marktes sorgt Russlands
Wirtschaftsaufschwung auch für einen steigenden Bedarf an
Nutzfahrzeugen, wovon in- und ausländische Hersteller profitieren. Der
Branchendienst ASM-Holding rechnet für das Gesamtjahr 2007 mit einem
Produktionszuwachs der einheimischen Lkw-Hersteller von 14% auf 283.000
Einheiten (darunter auch Kleintransporter).
Internationale Hersteller lassen bislang erst in kleinen Stückzahlen
Lkw in Russland fertigen. Dennoch: In den ersten neun Monaten 2007
stieg die Produktion ausländischer Nutzfahrzeug-Marken im Vergleich zum
Vorjahreszeitraum um 71% auf rund 11.000 Einheiten. Für die kommenden
Jahre ist mit einem deutlich größeren Volumen zu rechnen. So will die
Volvo Group bis Ende 2009 für 100 Mio. Euro eine Fabrik mit einer
Jahreskapazität von 10.000 Volvo- und 5.000 Renault-Trucks bauen.
Die russische Severstal-Gruppe erweitert ihre Kooperation mit der
japanischen Isuzu bei der Lizenzfertigung von Lkw (2 t bis 25 t).
Geplant ist eine Jahresproduktion von 25.000 Lastwagen. In der
Sonderwirtschaftszone Alabuga (Tatarstan) wird Severstal-Avto außerdem
ab Ende 2007 Transporter, Kleinbusse und Pickups der Marke "Fiat
Ducato" montieren. Kandidaten für eine eigene Fertigung in Russland
sind außerdem Scania, MAN Nutzfahrzeuge AG und Mercedes-Benz. Aktiv
drängen zudem Hersteller aus der VR China auf den Markt.
Chemie
Insbesondere Russlands Chemieindustrie profitiert vom Aufschwung im
Bauwesen und in der Automobilindustrie sowie von der steigenden
Kaufkraft der Bevölkerung, die für mehr Nachfrage nach Arzneimitteln,
Haushaltschemie und Verpackungsmaterial aus Kunststoff sorgt. Während
im Land traditionell vor allem einfache Chemieprodukte wie Dünger,
Methanol oder Ammoniak hergestellt wurden, investieren die Unternehmen
nun zunehmend in eine größere Verarbeitungstiefe.
In bestimmten Teilbereichen, wie der Reifenproduktion, der Bauchemie
oder bei PVC-Fensterprofilen und Polymer-Dämmplatten, engagieren sich
ausländische Konzerne stark. Verstärktes Kapitalengagement ist auch für
die Petrochemie (unter anderem Gasverflüssigung/LNG-Projekte) zu
erwarten. Angesichts der steigenden Preise für Ausgangsstoffe wie Öl
und Gas bei gleichzeitig hoher Energieintensität der Produktion sind
die russischen Chemiekonzerne außerdem gezwungen, effizientere Anlagen
zu installieren.
In den ersten neun Monaten 2007 ist die Chemieproduktion im
Vergleich zur Vorjahresperiode um 7,2% gestiegen. Die Dynamik entsprach
damit etwa dem gesamtwirtschaftlichen Wachstum. Weitaus stärker legten
die Kautschuk- und Kunststoffhersteller zu, deren Produktionsvolumen
sich zwischen Januar und September 2007 um 21,9% vergrößerte. Besonders
starke Zuwächse verzeichneten im Jahresverlauf Erzeuger von
Polypropylen (Inbetriebnahme neuer Kapazitäten), Polyethylen,
Kunststoffrohren, Pflanzenschutzmitteln sowie Lacken und Farben.
Russlands Export von Chemieprodukten ist in den ersten acht Monaten
2007 um rund 20% gestiegen und profitierte vor allem von höheren
Preisen für Mineraldünger, Methanol und synthetischem Kautschuk. Noch
schneller wuchsen die Importe von chemischen Erzeugnissen. Sie legten
von Januar bis August 2007 laut Statistikbehörde um 24% gegenüber dem
Vorjahreszeitraum zu. Bei Pflanzenschutzmitteln war Russland im 1.
Halbjahr 2007 zu 60% von Importen abhängig, bei Lacken und Farben zu
einem Drittel.
Für deutsche Lieferanten bietet der steigende Bedarf an
Chemieprodukten sehr gute Lieferchancen. Sie konnten ihr Exportvolumen
Richtung Russland von 1,78 Mrd. $ (2004) auf 3,14 Mrd. $ (2006) um fast
80% ausweiten (berücksichtigt sind Waren der Gruppe 5 der Standard
International Trade Classification SITC). Insgesamt hat Russland 2006
für 16,85 Mrd. $ Chemieerzeugnisse importiert, über ein Drittel mehr
als im Jahr zuvor.
Maschinenbau
Russlands Maschinenbau profitiert vom steigenden Bedarf der schnell
wachsenden Wirtschaft nach Investitionsgütern. Nach verschiedenen
Quellen liegt der Verschleißgrad der Produktionsanlagen im Land bei
rund 70%. Selbst die Dynamik bei den Bruttoanlageinvestitionen
(Schätzung für 2007: +18% auf umgerechnet 240 Mrd. $), wird diesen
Modernisierungsstau kurzfristig nicht auflösen.
Russland verfügt immer noch über einen sehr starken, eigenen
Maschinenbau. Das Produktionsvolumen lag 2006 laut föderalem
Statistikdienst bei rund 20,3 Mrd. $. Von Januar bis September 2007 ist
die Inlandsproduktion von Maschinen und Ausrüstungen gegenüber der
Vorjahresperiode um 21% gestiegen. Besonders hohe Wachstumsraten
erzielten dabei Hersteller von Kraftwerksausrüstungen und Bautechnik.
Die Inlandsproduktion leidet jedoch unter der verschlissenen
Produktionsbasis, unter Fachkräftemangel und darunter, dass Forschung
und Entwicklung deutlich reduziert wurden. Grund ist die schwache
Finanzausstattung der Maschinenbauer: mehr als ein Viertel aller
Hersteller hat von Januar bis September 2007 laut Industrieministerium
Verluste gemacht. Russland stellt praktisch keine weltmarktfähigen,
innovativen Maschinen her. Selbst einheimische Unternehmen greifen
daher bei Investitionen lieber auf westliche Technik zurück, die mehr
Produktivitätsvorteile verschafft und bei der Finanzierungslösungen
sowie ein zuverlässiger After-Sales-Service geboten werden.
In einigen Branchen wie der Landwirtschaft, dem Schienentransport
aber auch dem Energiesektor achtet der Staat darauf, dass bevorzugt
russische Maschinen eingekauft werden. Gute Lieferchancen für deutsche
Ausrüstungen bieten dagegen in Zukunft die Automobilindustrie, die
Holz- und Papierverarbeitung (in der Russland durch Strafzölle für
Rundholz die Verarbeitungstiefe forcieren will), die Druckindustrie,
der Schiffbau, die Flugzeugindustrie sowie die Baubranche (Straßenbau-,
Tunnel-, Hebetechnik).
Maschinen und Ausrüstungen sind die wichtigste Position in der
russischen Importstatistik. Allein in den ersten neun Monaten 2007
stieg das Einfuhrvolumen laut Föderalem Zolldienst um 57% und erreichte
einen Wert von 65,5 Mrd. $ (erfasst werden hierbei auch Schienen-,
Luft- und Wasserfahrzeuge).
Elektrotechnik / Elektronik
Bei Produkten der Elektrotechnik und Elektronik kann für die
nächsten Jahre in Russland weiter mit zweistelligen Zuwachsraten
gerechnet werden. Die Nachfrage besteht dabei sowohl auf Seiten der
Industrie als auch bei den Verbrauchern. Von der Marktdynamik
profitieren ausländische Lieferanten in großem Maße. Die russischen
Importe von Elektrotechnik stiegen 2006 gegenüber dem Jahr zuvor um 38%
auf 6,6 Mrd. $. Bei elektronischen Erzeugnissen legten die Einfuhren
sogar um 57% auf 12 Mrd. $ zu. Mit diesen Wachstumsraten kann die
einheimische Fertigung nicht mithalten. Im Jahr 2006 sank das
Produktionsvolumen der russischen elektronischen und elektrotechnischen
Industrie um 5,5%. In den ersten neun Monaten stieg der Wert um 14,8%
gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Immenser Bedarf besteht in der Stromerzeugung. Hier ist der
Modernisierungsdruck besonders hoch, weil erste Investitionsprojekte in
Russland bereits an Versorgungsengpässen gescheitert sind. Der
Strommonopolist RAO EES rechnet für 2008 mit einem Allzeithoch beim
Elektroenergie-Verbrauch von 1.082 Mrd. kWh. Das würde selbst die
bisherigen Rekordwerte aus Sowjetzeiten übertreffen. Zwischen 2006 und
2010 sollen daher neue Kapazitäten von über 40 Gigawatt (GW) errichtet
werden (1991 bis 2005: insgesamt 23,3 GW), wobei der Schwerpunkt auf
den Jahren 2009 und 2010 liegt. Die Kosten dafür belaufen sich auf über
100 Mrd. $.
Die Reform des Energiesektors und die Zerschlagung des bisherigen
Strommonopolisten RAO EES ist 2007 auf Touren gekommen. Mit Enel und
Eon haben zwei westeuropäische Konzerne Anteile an Tochterfirmen von
RAO EES gekauft und Milliardeninvestitionen angekündigt. Insgesamt sind
Kapitalerhöhungen für 17 Erzeugergesellschaften geplant. Die Einnahmen
(Plan für 2006 bis 2008: 422 Mrd. Rubel) fließen in die Modernisierung
der Kraftwerke. Beim Ausbau des Stromnetzes sind im Zeitraum 2006 bis
2010 über 20 Mrd. $ für neue Leitungen und Umspannstationen vorgesehen.
Das Ausschreibungsportal für den Stromsektor findet sich im Internet
unter www.b2b-energo.ru
Bei Haushaltselektronik ist Russland nach Berechnungen der Deutschen
Bank weltweit der siebtgrößte Markt. Das Volumen wird auf rund 25,6
Mrd. $ geschätzt. Durchschnittlich gibt jeder Russe demnach jährlich
etwa 180 $ für Fernseher, Kühlschränke oder andere Geräte aus. Der
Fachverband Ratek schätzt die Marktgröße auf 15 Mrd. $, bei jährlichen
Zuwachsraten von 15%. Die nächste große Anschaffungswelle für
Haushaltsgroßgeräte wird für 2012 erwartet.
Die Dynamik veranlasst immer mehr internationale Hersteller zu einer
eigenen Fertigung in Russland. LG, Elektrolux oder Siemens und Bosch
Hausgeräte haben bereits Fabriken im Land. Die türkische Vestel
produziert Fernseher unter eigenem Label und für japanische Marken.
Aufträge für japanische Hersteller wickelt auch die Kaliningrader
Telebalt ab. Bei Großgeräten wie Waschmaschinen oder Kühlschränken
deckt die einheimische Industrie laut Ratek etwa 80% des Inlandsbedarfs
ab, bei Fernsehern rund 70% (inklusive Lizenzfertigung ausländischer
Marken).
Als einen Schwerpunkt für die angestrebte Diversifizierung der
Wirtschaft sieht Russlands Regierung die Mikroelektronik. Allerdings
ist der Abstand zur Weltspitze groß: Nach Angaben des
Industrieministeriums hat das Land derzeit nur einen Anteil von 0,2% an
der globalen Produktion von elektronischen Bauteilen; fast zwei Drittel
des Inlandsbedarfs müssen importiert werden. Mitte 2007 wurde daher ein
"Föderales Zielprogramm" für die Entwicklung von elektronischen
Bauteilen und Funkelektronik verabschiedet. Dafür sollen zwischen 2008
und 2015 rund 187 Mrd. Rubel Investitionen bereit gestellt werden, zum
großen Teil aus dem Staatshaushalt. Die Projektautoren gehen davon aus,
dass Russland 2015 Funkelektronik für umgerechnet rund 12 Mrd. $
produzieren könnte.
Der russische Hersteller von Mikroelektronik, Angstream, hat 2007
bei AMD in Dresden eine Anlage zur Mikrochipproduktion erworben und
baut diese nun in Russland auf. Die Gesamtinvestitionen betragen fast 1
Mrd. $. Außerdem soll das malaysische Unternehmen Kedah Wafer Emas bis
Ende 2009 den Bau einer Chipfabrik in Nischnij Nowgorod planen. Das
größte Vorhaben hat der russische Elektronikkonzern Sitronics in der
Pipeline: eine über 2 Mrd. $ teure Produktionslinie für digitale
Speicherchips. Das Projekt soll als Joint Venture mit dem russischen
Staat realisiert werden, der sich mit Mitteln aus dem Investitionsfonds
beteiligen will.
Informations- und Kommunikationstechnik
Der Wettbewerb in Russlands Telekomsektor wächst. Seit 2006 dürfen
alternative Anbieter dem bisherigen Festnetzmonopolisten Rostelekom
Konkurrenz machen. Das führt zu neuen Investitionen in eigene Netze.
Besonders energisch drängen Golden Telecom, MTT und Transtelekom in den
Markt. France Telecom will über ihre Tochter Equant ebenfalls ins
russische Festnetzgeschäft einsteigen.
Die staatliche Holding Swjasinwest, die unter anderem über
Kontrollmehrheiten an sieben überregionalen Telefonieanbietern sowie am
Festnetzbetreiber Rostelekom verfügt, plant für die Jahre 2008 und 2009
Investitionen von 2 Mrd. $ in den Aufbau von digitalen
Vermittlungsstellen. Bis 2010 soll nach Vorgabe der Regierung das
gesamte russische Festnetz digitalisiert sein, um so auch den
Wettbewerb zu fördern.
In die Digitalisierung investiert auch der staatliche Betreiber für
das Fernseh- und Hörfunknetz RTRS. Das Entwicklungsprogramm für die
Jahre 2008 bis 2015 sieht Ausgaben von umgerechnet rund 9 Mrd. $ vor.
Damit soll die Rundfunkübertragung komplett auf digitale Technik
umgestellt werden.
Hohe Wachstumsraten erzielt das Mobilfunkgeschäft. Der Absatz von
Handys boomt nach wie vor. In den ersten drei Quartalen 2007 wurden
laut Zollstatistik 28 Mio. Geräte nach Russland geliefert, ein Plus von
40% gegenüber dem Vorjahr. Das Wertvolumen stieg um 23% auf 3,6 Mrd. $.
Bei der Zahl der Mobilfunknutzer hat Russland seine Sättigungsgrenze
längst erreicht, weil weitaus mehr Verträge abgeschlossen wurden als
das Land Einwohner hat. Berücksichtigt man, dass viele Russen mehrere
SIM-Karten besitzen, so lag die Penetrationsrate der tatsächlich
aktiven Mobilfunkabonnenten laut Branchenportal MForum.ru im 3. Quartal
2007 bei 63% (Vorjahreszeitraum: 59%). Innerhalb eines Jahres ist damit
die Zahl der neuen Handynutzer noch einmal um 5,4 Millionen gestiegen.
Die Mobilfunkgesellschaften konzentrieren sich jetzt auf die
Erhöhung der Durchschnittserlöse pro Kunde (ARPU, Average Revenue per
User). Diese waren in den letzten Jahren stetig gesunken und lagen 2006
landesweit nur zwischen 7 und 10 $ pro Monat, während in anderen
osteuropäischen Staaten teilweise doppelt so hohe Umsätze erzielt
wurden. Experten gehen davon aus, dass mit der neuen
Mobilfunkgeneration 3G (UMTS) ab 2008 ein ARPU von 15 $ und 2009 von 16
$ möglich sein sollte.
Für den Aufbau des UMTS-Netzes benötigen die Mobilfunkbetreiber bis
2009 mehrere Milliarden US-Dollar Investitionen. Allein Marktführer MTS
plant innerhalb von drei Jahren 1 Mrd. $ für die Netztechnik ein.
Lizenzen haben außerdem Wympelkom und Megafon erworben.
Großes Wachstumspotenzial bieten Navigationssysteme, nachdem die
Regierung diverse Beschränkungen aufgehoben hat, die bislang aus
Gründen der Staatssicherheit den Einsatz solcher Technik behinderten.
Der Absatz mobiler Navigationsgeräte war im 2. Quartal 2007 gegenüber
dem Vorjahr um fast 70% auf 54.000 gestiegen. Mit seinem
Satellitensystem Glonass will Russland zudem ab 2009 dem
US-amerikanischen GPS-System Konkurrenz machen.
Bei Computertechnik wird Russland ebenfalls ein immer wichtigerer
Markt. Allein die Notebook-Verkäufe sollen 2007 um 40% auf 2,5
Millionen Stück gestiegen sein. Für 2006 hatte die Consulting-Agentur
IDC Gesamtverkäufe von 7,3 Millionen Personalcomputern errechnet, davon
1,9 Millionen Notebooks. Die Wachstumsraten liegen bei über 20%
jährlich. Internationale Hersteller reagieren auf die positive
Entwicklung: Die taiwanesische Foxconn baut derzeit zusammen mit
Hewlett-Packard eine PC-Fabrik in Sankt Petersburg.
Bauindustrie
Die Baubranche hat sich zu Russlands Konjunkturlokomotive
entwickelt. Der Wert der ausgeführten Bauleistungen steigt seit Jahren
zweistellig (2005: 10,5%, 2006: 15,7%) und hat von Januar bis September
2007 sogar um 23,5% gegenüber der Vorjahresperiode zugelegt. Für das
Gesamtjahr schätzt das Wirtschaftsministerium den realen Zuwachs auf
20%. Das Bauvolumen dürfte damit einen Wert von rund 3 Bill. Rubel
(über 100 Mrd. $) erreicht haben. Von der Dynamik profitieren
naturgemäß Hersteller von Baustoffen und Baumaterialien. Die Produktion
von Zement stieg im 1. Halbjahr 2007 um 21%, von Glas um 46%, von
Stahlbetonfertigteilen um 16% und von Keramikplatten zur
Wandverkleidung um 9%.
Mittelfristig ist nicht mit einem Abflauen der Baukonjunktur zu
rechnen. Der Aufschwung ist nicht mehr nur auf Moskau und Sankt
Petersburg beschränkt, sondern hat sich längst bis in Großstädte des
russischen Hinterlandes verlagert. Er erstreckt sich auf den Industrie-
und Gewerbebau und die Errichtung von Infrastruktur ebenso wie auf den
Wohnungsbau.
Der Wohnungsbau ist dabei einer der Wachstumstreiber. Die
durchschnittlichen Verkaufspreise für Neubauten (in Moskau über 4.000 $
je Quadratmeter) liegen weit über den Erstellungskosten und sorgen für
hohe Gewinne bei Investoren. Für das Gesamtjahr 2007 rechnet die
staatliche Baubehörde Rosstroj mit einem Neubauvolumen von über 60 Mio.
Quadratmeter Wohnraum. Das wäre ein deutlicher Zuwachs gegenüber den
Vorjahren (2005: 43,6 Mio. Quadratmeter, 2006: 50,2 Mio. Quadratmeter).
Das Nationale Projekt "Erschwinglicher und komfortabler Wohnraum" sieht
bis 2010 die Fertigstellung von jährlich 80 Mio. Quadratmeter
Wohnfläche vor. Präsident Putin hatte zuletzt sogar einen jährlichen
Zuwachs von mindestens 100 Mio. bis 130 Mio. Quadratmeter Wohnraum
gefordert.
Der Bauboom erstreckt sich aber ebenso auf die Errichtung von
Handels-, Büro- und Logistikimmobilien, die überall im Land aus dem
Boden schießen. Nach Berichten der Zeitung Business & Financial
Markets wollen internationale Investmentfonds in den nächsten Jahren
rund 30 Mrd. $ in russische Gewerbeimmobilien investieren.
Zu einem wichtigen Wachstumssegment entwickelt sich der Hotelbau,
der sich ebenfalls zunehmend in die Regionen verlagert. Außerdem hat
der Zuschlag des Schwarzmeerkurorts Sotschi für die Olympischen
Winterspiele 2014 einen Investitionsboom in der gesamten Küstenregion
ausgelöst. Allein für die Vorbereitungen auf das Großereignis fließen
rund 12 Mrd. $ in Sportstätten, Straßen, Versorgungsleitungen und neue
Kraftwerkskapazitäten. Daneben planen private Investoren auch in den
benachbarten Gemeinden Jachthäfen, Wohnungen und Hotels.
Deutsche Unternehmen profitieren von der brummenden Baukonjunktur in
Russland sowohl als Dienstleister in der Planungs- und
Projektierungsphase, als auch als Lieferanten von Baustoffen und
Baumaterialien. In der Bauausführung bekommen Unternehmen aus der
Türkei oder aus Österreich allerdings mehr Aufträge.
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