| Wirtschaftstrends Russland Jahreswechsel 2007/08. Gesamtwirtschaftlicher Ausblick. | | Drucken | |
Wirtschaftstrends Russland Jahreswechsel 2007/08.Gesamtwirtschaftlicher AusblickMoskau (bfai) - Russland kann in den kommenden Jahren mit einem Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts um rund 6% rechnen. Immer mehr wird die Konjunktur dabei von der Binnennachfrage und von Sektoren außerhalb der Rohstoffförderung getrieben. Die Investitionsdynamik bleibt hoch. Das bietet ausländischen Lieferanten von Maschinen und Anlagen sehr gute Lieferchancen. Getrübt wird das positive Gesamtbild durch die zunehmende Einflussnahme des Staates auf die Wirtschaft, die steigende Inflation, Fachkräftemangel und geringe Produktivitätszuwächse. Russlands Wirtschaft wird in den kommenden Jahren dank hoher Weltmarktpreise für Öl und Gas, einer steigenden Binnennachfrage sowie verstärkten Investitionen des Staates weiter mit Raten zwischen 6 und 7% wachsen. Dabei werden die Importe zweistellig zulegen, während die Exporte auf dem bisherigen Niveau stagnieren oder sogar sinken. Deutschland bleibt der wichtigste Außenhandelspartner des Landes. Die deutschen Ausfuhren nach Russland haben 2007 erneut um rund ein Drittel zugelegt und dürften einen Wert von über 30 Mrd. Euro (2006: 23,4 Mrd. Euro) erreicht haben (Zahlen des Statistischen Bundesamtes). Entwicklung des BruttoinlandsproduktsRusslands Konjunktur lief 2007 besser, als noch zu Jahresbeginn erwartet. Der Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) wird auf 7,3% geschätzt. Für die kommenden Jahre ist allerdings eine Abschwächung der Dynamik zu erwarten. Das Wirtschaftsministerium prognostiziert für 2008 und 2009 nur noch einen BIP-Anstieg von 6,4 bzw. 6,0%. Die Ökonomische Expertengruppe, die dem Finanzressort nahe steht, geht für 2008 von 5,7% Wachstum aus. Grund für das nachlassende Tempo sind vor allem die Expansionsgrenzen der Rohstoffkonzerne. Deren Produktion lässt sich kaum noch weiter steigern, und die Preise auf den Weltmärkten für Öl und Gas dürften allmählich ihr Maximum erreicht haben. Etwa 80% der russischen Exporterlöse entfallen auf Energieträger und Metallrohstoffe. Gleichzeitig wachsen andere Branchen wie Bau, Einzelhandel, Banken oder die Automobilindustrie überdurchschnittlich stark. Sie profitieren von den schnell steigenden verfügbaren Einkommen (realer Anstieg zwischen Januar und September 2007: +12,4%). Wachstumstreiber sind auch die Bruttoanlageinvestitionen, die in den ersten drei Quartalen 2007 gegenüber dem Vorjahreszeitraum real um 21% gestiegen sind. Das Wirtschaftsministerium geht in seiner langfristigen Entwicklungsstrategie von BIP-Zuwächsen um die 5% bis 2010 aus. Für die Jahre 2011 bis 2020 rechnen die Analysten dann mit Anstiegen zwischen 3 und 4%. Ein Hemmschuh könnte die demografische Entwicklung werden. Nach aktuellen Prognosen sinkt die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter bis 2020 von derzeit 90 Millionen auf dann 77 Millionen, heißt es in Studien der Regierung. Schon jetzt macht sich in vielen Branchen und Regionen ein Fachkräftemangel bemerkbar. Negativ kommt die langsame Entwicklung der Arbeitsproduktivität hinzu. Sie stieg 2006 lediglich um 6,2%, während die Reallöhne um 13,3% nach oben geklettert sind. Die Wettbewerbsfähigkeit russischer Unternehmen leidet auch unter dem immer stärkeren Rubel. Zwischen Januar und November 2007 hat die einheimische Währung gegenüber dem US-Dollar um 7% aufgewertet. Das verbilligt die Importe und erschwert zugleich den Verkauf russischer Waren im Ausland. Gefahr für die gesamtwirtschaftliche Stabilität birgt daneben die Preisentwicklung. Schon im Sommer musste sich die Regierung von ihrem Ziel verabschieden, die Inflationsrate 2007 unter dem Vorjahreswert von 9% zu halten. Das Geldmengenwachstum ist aufgrund der sprudelnden Exporterlöse ungebrochen stark. So stieg das Aggregat M2, eine Kennzahl für die Geldmasse, laut Zentralbank in den ersten neun Monaten 2007 um 28%. Der Kreml hat Produzenten und Händler von Lebensmitteln zu einem Preisstopp vor den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen bewegt. Dennoch wird für das Gesamtjahr mit einer Inflation von über 11% gerechnet. Noch stärker als die Verbraucherpreise steigen die Erzeugerpreise. Sie lagen schon im September 2007 um 17% über den Werten von Ende 2006. Wegen der steigenden Sozialausgaben (zum Beispiel Rentenerhöhungen, nationale Projekte im Gesundheits- oder Bildungswesen) und dem zunehmenden Investitionsengagement des Staates in der Wirtschaft steigen die Ausgaben aus dem Staatsbudget derzeit schneller als die Einnahmen. Der Haushaltsüberschuss lag in den ersten drei Quartalen 2007 bei 1.600 Mrd. Rubel (7% des BIP) und damit um fast 100 Mrd. Rubel unter dem Vorjahreswert.
1) Reale Veränderung gegenüber Vorjahr in %, 2007 Schätzungen, 2008 und 2009 Prognosen, 2) auf Basis von Einzelhandelsumsätzen, 3) nach Angaben der Zahlungsbilanzstatistik, 4) Verbraucherpreise, Vergleich Dezember zu Dezember, 5) Außenschulden des Staates, in Klammern: gesamte Außenschuld von Staat, Banken und Unternehmen Quellen: Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Handel, Russische Zentralbank, IWF 1) 1.9.07, 2) Schätzung für 2007; erwarteter Jahresdurchschnittskurs für 2007: 1 U$ = 25,7 Rubel); 3) Außenschuld des Staates. Die gesamte Außenschuld, einschließlich Banken und Unternehmen beträgt 384,8 Mrd. $ (Stand: 1.7.07); 4) Stand: 26.10.07, 5) Währungsreserven/erwartetes Importvolumen 2007; 6) Zahlen für 2006, nach Angaben der Zollstatistik Quellen: Föderaler Statistikdienst, Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Handel, Russische Zentralbank, Ökonomische Expertengruppe (EEG)
Wachstumsbranchen und -märkte: Kfz, Bauwirtschaft, Baustoffe, Telekommunikation, IT, Konsumgüter, Handel, Pharma, Maschinenbau Wechselkurse am 15.11.07: 1 Euro = 35,89 Rubel, 1 US$ = 24,49 Rubel InvestitionenRusslands Industrie arbeitet am Rande ihrer Kapazitäten, der Abnutzungsgrad der Anlagen ist hoch, so dass das Investitionspotenzial enorm bleibt. Daneben erhöhen die Lohnsteigerungen den Investitionsdruck. Die Geldbeschaffung ist dabei besonders für große russische Unternehmen immer seltener ein Problem. Ausländische Banken vergeben an die liquide Kundschaft aus dem Rohstoff-, Immobilien- oder Nahrungsmittelsektor gern Kredite. Entsprechend schnell wächst die Außenverschuldung des Privatsektors in Russland. Nach Angaben der Zentralbank stiegen die Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland von Januar bis September 2007 um ein Viertel auf 220 Mrd. $. Kapital fließt aber auch durch Börsengänge im In- und Ausland in die Unternehmen. Schätzungen für 2007 gehen von IPO-Einnahmen (Initial Public Offerings) von über 40 Mrd. $ aus. Für das Gesamtjahr 2007 erwartet das Wirtschaftsministerium einen realen Anstieg der Bruttoanlageinvestitionen um 18,2% auf ein Volumen von über 6,2 Bill. Rubel (rund 240 Mrd. US$). Auch in den kommenden drei Jahren sollen die Investitionen jeweils zweistellig zulegen und bis 2010 einen Wert von 11,5 Billionen Rubel erreichen (rund 430 Mrd. $ gemäß prognostiziertem Umrechnungskurs für 2010 von 1 US$ = 26,5 Rubel). Das Investitionsklima im Land ist trotz makroökonomischer und politischer Stabilität immer noch getrübt. Im aktuellen Weltbank-Report "Doing Business 2008" liegt Russland nur auf Platz 106 von 178 untersuchten Staaten (2007: Rang 112). Besonders schlechte Noten bekamen die Beschaffung von Lizenzen, der grenzüberschreitende Handel und die Abwicklung von Steuerformalitäten, für die laut Weltbank besonders komplizierte und langwierige Vorschriften gelten. Leichter sei hingegen die Kreditvergabe geworden, heißt es in dem Bericht. Auch im Index der Korruptionswahrnehmung von Transparency International lag Russland 2007 wieder weit hinten (Rang 143 von 179 Ländern) und hat sich gegenüber dem Jahr zuvor sogar noch um 22 Plätze verschlechtert. Ende 2007 hat Russland zudem ein neues Gesetz entworfen, das ausländisches Engagement in strategischen Branchen regulieren soll. Darin enthalten sind 39 Geschäftsfelder von der Rohstoffgewinnung über die Atomenergie bis hin zur Stromverteilung, in denen sich ausländische Unternehmen nur auf Antrag und nach ausdrücklicher Genehmigung mehrheitlich beteiligen dürfen. Trotz solcher Restriktionen scheinen Investoren aus dem Ausland dem Markt immer mehr zu vertrauen. Im 1. Halbjahr 2007 legten sie 60,3 Mrd. $ in Russland an. Davon waren fast 15,8 Mrd. $ Direktinvestitionen, was um das 2,5fache über dem Vorjahreswert lag. Für das Gesamtjahr 2007 schätzt die Regierung den Zufluss ausländischer Direktinvestitionen auf über 40 Mrd. $ (2006: 13,7). Für die Jahre 2008 bis 2010 prognostiziert das Wirtschaftsministerium Direktinvestitionen in ähnlicher Höhe. Selbst der erfolgreiche Versuch des Staates, ausländische Mehrheitseigentümer großer Rohstofflagerstätten zugunsten der staatlich kontrollierten Gasprom in Minderheitenpositionen zu drängen (betroffen waren 2007 Shell und BP), scheint die Investoren nicht abgeschreckt zu haben. Im Gegenteil: Shell hat Anfang November angekündigt, sich an neuen Milliardenprojekten zur Gas- und Ölförderung auf der Jamal-Halbinsel und in der Karasee zu beteiligen. Ein Schwerpunkt der Investitionstätigkeit in Russland wird künftig der Stromsektor sein, der in den nächsten 15 Jahren jährlich 20 Mrd. $ Investitionen benötigt. Ausländische Unternehmen beteiligen sich aktiv an der Modernisierung der Kraftwerkskapazitäten. Der russische Staat tritt immer engagierter als Investor auf. Insbesondere in den vergangenen Monaten der Präsidentschaft Wladimir Putins wurde der Einfluss auf die Wirtschaft wieder deutlich verstärkt. Im Schiffbau, Flugzeugbau, der Rüstungsindustrie oder Nanotechnologie wurden staatliche Holdings gegründet. Aus öffentlichen Kassen fließen zum Beispiel in den zivilen Flugzeugbau bis 2015 jährlich 600 Mio. bis 900 Mio. $. Die Werftenindustrie kann von 2009 bis 2016 mit Haushaltsmitteln von 3,6 Mrd. $ rechnen. Große Pläne hat Moskau auch mit der Eisenbahn, deren Schienennetz bis 2030 um 15.000 bis 20.000 Kilometer erweitert und der Fuhrpark erneuert werden soll. Dafür sind Investitionen von über 500 Mrd. $ nötig, die zum großen Teil aus dem föderalen und aus regionalen Budgets fließen sollen. Für die regionale Entwicklung hat Russland 2007 neue Projekte verabschiedet, die unter anderem den Nordural (20 Mrd. $ Investitionen, Erschließung von Lagerstätten, Bau von Infrastruktur) sowie das Baikalgebiet und den Fernen Osten (22 Mrd. $, Energieversorgung, Transportwege) betreffen. Ein wichtiges Vorhaben ist der Ausbau des Schwarzmeerkurortes Sotschi, wo 2014 die Olympischen Winterspiele stattfinden sollen. KonsumDank kräftiger Einkommenszuwächse und zunehmender Beliebtheit von Verbraucherkrediten sind die Russen weiterhin ungewöhnlich konsumfreudig. Bei Handys oder Waschmaschinen ist das Land schon jetzt wichtigster Absatzmarkt in Europa. Studien von ACNielsen gehen davon aus, dass Russland 2025 der größte Verbrauchermarkt des Kontinents sein wird. Die Einzelhandelsumsätze stiegen in den ersten neun Monaten 2007 um 15% auf 7.511 Mrd. Rubel (290 Mrd. US$, Durchschnittskurs für den Zeitraum Januar bis September 2007: 1 US$ = 25,89 Rubel). Regierung und unabhängige Experten erwarten auch für die nächsten Jahre reale Einkommenssteigerungen um die 10%. Entsprechend optimistisch prognostiziert das Wirtschaftsministerium die Entwicklung der Einzelhandelsumsätze: 2008 - 12,7 Bill. Rubel (500 Mrd. $, realer Anstieg +11%); 2009 - 14,7 Bill. Rubel (570 Mrd. $, +10%); 2010 - 16,7 Bill. Rubel (630 Mrd. $, +9%). Bei der Kaufkraft ist Russland längst nicht mehr mit anderen BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, VR China) zu vergleichen. Der Internationale Währungsfonds prognostiziert das verfügbare Einkommen eines Russen nach Kaufkraftparitäten für 2008 auf 15.000 $, was etwa 45% des EU-Durchschnitts entspräche. Kein Wunder also, dass sich immer mehr internationale Ketten vom russischen Einzelhandels-Boom angezogen fühlen. Nach zehnjährigem Anlauf will die französische Carrefour 2008 erstmals zwei Hypermärkte in Moskau eröffnen. Auch Wal-Mart soll inzwischen konkrete Pläne für einen Markteintritt haben. Außenhandel Konnte Russland in den vergangenen Jahren wegen des Rohstoffhungers im Ausland und der hohen Weltmarktpreise für Öl, Gas und Metalle enorme Handelsüberschüsse erzielen, so ist das Plus im Jahresverlauf 2007 deutlich zusammengeschmolzen. In den ersten neun Monaten verzeichnete die Statistik einen Warenaustausch von 404 Mrd. $ (+20% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum). Dabei stiegen die Exporte nur noch um 11% auf 249,4 Mrd. $, während die Importe um 37% auf 154,6 Mrd. $ zugelegt haben. Die Ausfuhr des wichtigsten Produktes Rohöl (rund ein Drittel Anteil am gesamten Ausfuhrwert) kann nicht mehr nennenswert gesteigert werden. Der Volumenzuwachs lag 2007 lediglich bei rund 3%. Bei Erdgas sind die Lieferungen ins Ausland wegen des milden Winters im Jahresverlauf sogar zurück gegangen. Gleichzeitig stehen keine weltmarktfähigen Produkte zur Verfügung, die den stagnierenden Rohstoffexport ersetzen könnten. Das Wirtschaftsministerium rechnet für 2008 nur noch mit einem leichten Anstieg der russischen Ausfuhren auf rund 354 Mrd. $ (+3%). Ab 2009 soll das Exportvolumen den Prognosen zufolge dann sogar sinken (um 5% auf 337 Mrd. $). Russlands Importe werden sich dagegen weiter dynamisch entwickeln. Hier geht die Regierung von zweistelligen Zuwachsraten aus (2008: +21% auf 270 Mrd. $). Ab 2010 könnte die Handelsbilanz laut diesen Berechnungen dann erstmals ins Minus drehen (Importe: 347 Mrd. $, Exporte: 336 Mrd. $), wenn sich Russlands Wirtschaft bis dahin nicht schneller diversifiziert und von der Rohstoffabhängigkeit befreit hat. Wichtigster Handelspartner ist nach wie vor die Europäische Union, mit der Russland über die Hälfte seines Warenaustauschs abwickelt. Allerdings ist der EU-Anteil im Jahresverlauf 2007 leicht zurückgegangen, während sich der Handel mit den GUS-Ländern und dem asiatisch-pazifischen Raum dynamischer entwickelte. Deutschland war in den ersten neun Monaten 2007 erneut der bedeutendste Lieferant Russlands mit einem Volumen von 18,2 Mrd. $ (gemäß russischer Zollstatistik). Der Anteil von Maschinen, Ausrüstungen und Transportmitteln an den Gesamtimporten aus Ländern außerhalb der GUS wächst weiter (Januar bis September 2007: 53,3%, Vorjahresperiode: 50,5%). Hier wirkt sich der Investitionsboom in Russlands Industrie aus, der qualitativ und quantitativ kaum durch die einheimischen Hersteller bedient werden kann. Weiter warten müssen Exporteure auf den Beitritt Russlands zur Welthandelsorganisation (WTO), der sich nun schon seit mehreren Jahren verzögert. Im Laufe der Verhandlungen tauchen immer wieder neue Problemfelder auf. Zuletzt hatten vor allem die Zollwertbestimmung aber auch Russlands Beharren auf Übergangstarifen für Fleischimporte den Prozess ausgebremst. Nun rechnet Moskau für den Sommer 2008 mit einem Beitritt zur WTO. |
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