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Russlands Textilindustrie setzt auf Nischenprodukte und innovative StoffePotenziale bei Arbeitskleidung und Industrietextilien / Regierung fördert Anschaffung neuer Maschinen / Von Gerit SchulzeMoskau (bfai) - Russlands Textilindustrie durchlebt schwere Zeiten. Während die Nachfrage nach Bekleidung, Haus-, Heim- und technischen Textilien im Land zweistellig zulegt, verzeichnet die einheimische Produktion Rückgänge. Mit einem Entwicklungsprogramm will das Industrieministerium die Branche wieder wettbewerbsfähiger machen. Gefragt sind Nischenprodukte für die Automobil- oder Möbelherstellung sowie Spezialkleidung. Für deutsche Anbieter von Textilmaschinen bieten sich neue Absatzchancen. Die russische Textilindustrie hat in den vergangenen Jahren erhebliche Einbußen hinnehmen müssen. So liegt ihr Anteil auf dem heimischen Markt nur noch bei rund 18%, wie Zahlen des Industrieministeriums belegen. Der Großteil des Bedarfs kommt aus dem Ausland. Im Vergleich zu 1999 ist das Produktionsvolumen auf ein Fünftel geschrumpft. Auch im abgelaufenen Jahr konnten die russischen Hersteller von Garnen, Stoffen und Bekleidung den Trend nicht umkehren: Die Textilproduktion sank im Zeitraum Januar bis November 2007 im Vergleich zur Vorjahresperiode um 2%; die Herstellung von Bekleidung stieg lediglich um 1%. Besonders stark waren die Einbußen bei Massenwaren wie Jacken (-22%), Hosen (-14%) oder Mänteln (-24%). Während die Inlandsproduktion stagniert, wächst die Nachfrage nach Stoffen und Bekleidung in Russland zwischen 10 und 15% pro Jahr. Nach Berechnungen des Industrieministeriums liegt das Marktvolumen für Textil- und Schneidereiprodukte derzeit bei rund 50 Mrd. US$. Der durchschnittliche Russe gibt jedes Jahr etwa 140 $ für Textilien und 170 $ für Bekleidung aus. Diese Werte liegen noch deutlich unter dem westeuropäischen Niveau. Angesichts des enormen Marktpotenzials will die Regierung nun wieder eine leistungsfähige einheimische Textil- und Bekleidungsbranche schaffen. Ein Entwicklungsprogramm für die Jahre 2008 bis 2010 sieht Investitionen von über 800 Mio. $ vor, von denen die Unternehmen den Großteil selbst aufbringen müssen. Der Anteil der Textilindustrie an der russischen Industrieproduktion soll von 1,1% (2006) auf 2,5% (2010) steigen. Nach Vorstellungen der Regierung müsste die Branche mehr auf Nischenprodukte wie technische Textilien mit innovativen Nanobeschichtungen setzen. Dazu gehört auch Spezial- und Arbeitsschutzkleidung für Industriearbeiter. Laut der Industriezeitung "Promyschlenny eshenedelnik" erreicht der jährliche Bedarf an solchen Produkten in Russland rund 1,5 Mrd. $, die Wachstumsraten liegen zwischen 15 und 30%. Auf die 150 einheimischen Hersteller von Spezialkleidung entfallen bis zu 70% der landesweiten Verkäufe. Die wichtigsten Branchenvertreter sind Wostok-Service (25% Marktanteil), Trakt und Ursus (jeweils 9%). Der Boom ausländischer Pkw-Fabriken lässt außerdem die Nachfrage nach Hightech-Stoffen für die Automobilindustrie steigen. Ähnliches gilt auch für Spezialstoffe zur Möbelherstellung. Hier bieten sich Potenziale fernab textiler Massenware aus der VR China oder Türkei, gegen deren Preise russische Produzenten nicht bestehen können. Bislang sind russische Unternehmen für den internationalen Wettbewerb und die ins Land strömenden Konkurrenzprodukte schlecht gewappnet. Ein Großteil der Produktionsausrüstungen ist seit über 20 Jahren im Einsatz. Experten beziffern den jährlichen Investitionsbedarf der Textilindustrie auf über 300 Mio. $ pro Jahr. Bislang wird nur ein Drittel dieser Summe in neue Maschinen und Anlagen gesteckt, weil die Unternehmen über zu wenig Kapitalkraft verfügen. Fast die Hälfte aller Betriebe der russischen Leichtindustrie schreibt rote Zahlen. Das befördert jedoch auch den Konsolidierungsprozess im Land. So wird der Markt für Baumwollstoffe praktisch von sechs großen Unternehmen kontrolliert. Erfolgreich Marktanteile zurückgewinnen konnten russische Hersteller bei Bettwäsche, deren Verkäufe zweistellig wachsen und derzeit bei 2,5 Mrd. $ im Jahr liegen. Auf die drei Unternehmen Aljans Russkij tekstil (ART, www.textil.ru), Nordtex (www.nordtexco.ru) und Wolshskaja tekstilnaja kompanija (WTK, www.volgatextil.ru) entfallen 20% des Bettwäsche-Absatzes im Land. Zusammen mit TDL aus Iwanowo (www.atdl.ru) gehören diese drei Holdings zu den größten Textilherstellern in Russland. Dieses Führungsquartett verzeichnet jährlich zweistellige Umsatzzuwächse und hat am ehesten die Finanzkraft zu Investitionen in neue Produktionsanlagen. WTK investiert bis 2009 über 100 Mio. $ in das Baumwollkombinat Tscheboksary. Ende 2007 wurde eine erste Anlage zur Veredlung von Stoffen bis 240 Zentimeter Breite in Betrieb genommen. Perspektivisch will WTK Produktionskapazitäten für 10 Mio. Bettwäschegarnituren aufbauen (2007: 2,2 Mio.). Russlands größte Textilholding ART, zu der fünf Fabriken gehören, plant für 2009 einen Börsengang. Das Unternehmen hält bei der Herstellung von Baumwollstoffen einen Marktanteil von 25% auf dem Binnenmarkt. ART erzielte 2006 einen Umsatz von 337 Mio. $ (2005: 323 Mio. $). Das Produktionsvolumen lag bei 38.000 Tonnen Garn und 450 Mio. Metern Stoffbahnen.
Quelle: Föderaler Statistikdienst Die Regierung hat einige Maßnahmen ergriffen, um der Branche aus der Krise zu helfen. Ab 2008 sollen jährlich 12 Mio. $ aus dem Staatshaushalt bereitgestellt werden, um Zinszahlungen für die Anschaffung von Rohstoffen und Ausrüstungen zu subventionieren. Außerdem können die meisten Textilmaschinen zollfrei nach Russland eingeführt werden. Deutsche Hersteller gehören zu den beliebtesten Lieferanten. Im 1. Halbjahr 2007 lag Deutschland zum Beispiel bei Maschinen zum Spinnen von Spinnstoffen oder Maschinen zum Herstellen von Filz und Vliesstoffen an erster Stelle. Bei Webmaschinen sind belgische Unternehmen führend, bei Rundwirk- und Rundstrickmaschinen italienische Maschinenbauer.
Quelle: Föderaler Zolldienst Russlands (S.Z.) |
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