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Freitag, 18. 05. 2012. - 15:27
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Russlands Regierung will den Schiffbau voranbringen | Drucken |

Zinssubventionen und niedrigere Zölle für Produktionsausrüstungen geplant / Chancen bei Eisbrechern und Gastankern

Moskau (bfai) - Russlands Werften haben international den Anschluss verloren. Sie bauen zu langsam, zu klein und zu teuer. Selbst einheimische Reeder lassen lieber im Ausland Schiffe bauen. Eine letzte Chance, global wieder Boden gutzumachen, sieht das Land im Bau großer Gastanker. Mit einer Entwicklungsstrategie sowie Steuer- und Zollvorteilen will die Regierung den Werften im Land auf die Beine helfen.

Den Kampf mit den großen Schiffbaunationen Japan, Korea (Rep.) oder VR China musste Russland längst aufgegeben. Riesentanker mit über 80.000 t Tragfähigkeit wird das Land nicht konkurrenzfähig bauen können, hat selbst Präsident Putin zugegeben. Daher sollten sich die einheimische Werften auf ihre Stärken konzentrieren. Dazu zählten Eisbrecher, Bohrinseln und Transportschiffe für die Kohlenwasserstoff-Lagerstätten auf dem Kontinentalschelf.

Aktuell wächst der Schiffbau vor allem wegen der Aufträge aus dem Verteidigungsministerium. Fregatten, Korvetten und Atom-U-Boote haben 2005 für einen Exporterlös von 2,8 Mrd. US$ gesorgt. Beim zivilen Schiffbau muss Russland kleinere Brötchen backen. In den Auftragsbüchern der Werften stehen derzeit lediglich Bestellungen für 1 Mio. dwt (Deadweight ton, Tragfähigkeit). Zum Vergleich: Japan und Korea (Rep.) verbuchen aktuell jeweils rund 70 Mio. dwt. Das Übergewicht der Militärproduktion ist ein Relikt aus alten Tagen. Zu Zeiten des Kalten Krieges wurden ein Drittel aller Kriegsschiffe weltweit in der Sowjetunion gebaut.

In Russland sind laut Branchenkennern 22 Werften in der Lage, Schiffe mit einer Länge von über 100 Metern zu bauen. Viele der Unternehmen sind technologisch und logistisch auf die Kriegsproduktion getrimmt. Doch die staatlichen Rüstungsaufträge bis 2015 lasten die Werften nur zu einem Drittel aus. Ein Umschwenken auf konkurrenzfähigen, zivilen Schiffbau ist also unabdingbar.

Schwachpunkt der Branche ist die Versorgung mit Zulieferteilen. Der Großteil von Schiffsausrüstungen wird nicht in Russland hergestellt sondern muss im Ausland zugekauft werden. Auf die Importe fallen jedoch bis zu 30% Zollgebühren sowie die Einfuhrumsatzsteuer an. Das macht den Schiffbau im Land unnötig teuer und hat zur Folge, dass die Werften für ausländische Auftraggeber meist nur Schiffshüllen zusammenschweißen. Komplettiert werden die Rümpfe dann in Westeuropa, häufig in den Niederlanden.

Neben der teuren Versorgung mit Schiffsausrüstungen kämpfen Russlands Werften auch mit einer zu geringen Produktivität in den veralteten Werkhallen. Nach Angaben der Föderalen Agentur für See- und Binnenschifffahrt beträgt der Verschleiß bei mechanischen Anlagen 85%, in den Gießereien bis zu 75% und in den Docks 65%. Auch deshalb brauchen die St. Petersburger Admiralitätswerften für einen Tanker mit einer Tragfähigkeit von 47.000 t ganze 19 Monate. Für die Verarbeitung von einer Tonne Metall fallen dort 105 Arbeitsstunden an. International üblich sind für einen solchen Schiffstyp sieben bis acht Monate und für die Metallverarbeitung 29 Arbeitsstunden. Ohne eine schnelle Modernisierung seiner Maschinen und Anlagen verliert der russische Schiffbau international weiter an Boden.

Außerdem ist eine bessere Finanzausstattung der Werften nötig, um Großaufträge vorfinanzieren zu können. Bislang zahlen Auftraggeber vor dem Stapellauf selten mehr als 50% der Kaufsumme. Da russische Banken aber in der Regel Kredite nur über kurze Zeiträume (zwei bis drei Jahre) und für hohe Zinssätze (deutlich über 10%) vergeben, haben die einheimischen Werften gegenüber ausländischen Schiffbauern deutliche Nachteile. Umgekehrt bekommen russische Reeder günstigere Kredite bei westlichen Banken, wenn Sie Schiffe im Ausland bauen lassen.

Überhaupt sind Russlands Reeder international ein beliebter Auftraggeber: Jedes Jahr ordern sie neue Schiffe für 1 Mrd. Euro. Von dieser Summe gehen nur 6% an die Werften im eigenen Land. Für die nächsten zwei Jahre haben russische Unternehmen bei ausländischen Werften 43 Schiffe bestellt, bei einheimischen Schiffbauern nicht mehr als 30. Das Industrieministerium rechnet damit, dass sich die Ausgaben für neue Schiffe in Russland bis 2010 auf rund 3 Mrd. Euro pro Jahr fast verdreifachen.

Der Bedarf an Wasserfahrzeugen im größten Land der Erde ist riesig. Allein die anstehende Förderung von Öl und Gas in den Küstengebieten der Barents- und Karasee, im Fernen Osten und am Kaspischen Meer verlangt nach mindestens 85 Spezialtankern und 140 Begleitschiffen. Das Fassungsvermögen der Gastanker muss bis zu 150.000 Kubikmeter betragen. Da Russland auch solche Schiffe bislang nicht bauen kann, wird überlegt, eine komplett neue Werft mit westlicher Technologie aus dem Boden zu stampfen.

Laut Untersuchen benötigen Russlands Reeder bis 2030 insgesamt rund 250 neue Schiffe mit einem Wert von über 50 Mrd. US$. Bei entsprechender Wettbewerbsfähigkeit könnten die einheimischen Werften also auf dem Binnenmarkt ein riesiges Auftragsvolumen abschöpfen.

Russlands Industrieministerium will dem einheimischen Schiffbau deshalb unter die Arme greifen und hat im November 2006 ein Entwicklungskonzept für die Branche vorgelegt. Danach soll sich die Jahresproduktion der Werften von derzeit 2 Mrd. US$ auf bis zu 19 Mrd. US$ im Jahr 2030 erhöhen. Dann hätte der Schiffbaustandort wieder einen Weltmarktanteil von 2% (derzeit 0,6%) bei zivilen Wasserfahrzeugen, heißt es in dem Strategiepapier. Moskau will dafür aus dem Staatshaushalt über 3 Mrd. Euro zur Verfügung stellen, weitere 4 Mrd. Euro sollen von privaten Investoren kommen. Besonders bei Schiffen mit einer Tragfähigkeit von 47.000 bis 75.000 t sieht die Regierung in Zukunft weltweit wieder Marktchancen für russische Werften.

 

Als staatliche Unterstützung sind unter anderem Zinssubventionen für die Kreditaufnahme sowie eine Senkung der Einfuhrzölle für Zulieferteile und Ausrüstungen geplant. Weiterhin soll die Gründung von Leasinggesellschaften unterstützt werden, die in Russland gebaute Schiffe vermieten. Die Werften selbst können bei ihren Modernisierungsplänen ebenfalls auf Haushaltsmittel hoffen.

Auch eine weitere Konsolidierung der Branche wird angestrebt. Bereits 2001 wurde auf Regierungsinitiative der Konzern für Mittel- und Kleintonnage-Schiffbau (KSMK) etabliert, der drei Werften in Rybinsk, Kaliningrad und am Amur umfasst. Die Meschprombank hat die beiden St. Petersburger Schiffbauer Sewernaja Werf und Baltijskij Sawod zusammengefasst. In der Holding Morskije i Neftegasowye Projekty (MNP) sind mehrere Werften und Spezialfirmen für die Entwicklung von Bohrinseln integriert. Es sei aber keine große staatliche Holding wie in der Flugzeugindustrie geplant, heißt es aus dem russischen Industrieministerium. (S.Z.)

 
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