| Russlands Chemiebranche zeigt sich stark | | Drucken | |
|
Hohe Investitionen in Großprojekte und gute Konjunktur sorgen für Produktionswachstum / von Waldemar Lichter Moskau (bfai) - Russland wird in den nächsten Jahren ein attraktiver Markt für deutsche Unternehmen bleiben. Das Wirtschaftswachstum liegt bei stabilen 6 bis 7% pro Jahr. Die Einkommen steigen, der private Verbrauch boomt. Die Nachfrage nach Kfz und Konsumgütern ist weiter hoch. Das heizt auch die Nachfrage nach chemischen Erzeugnissen an. Besonders die Kunststoffindustrie ist weiter durch eine starke Dynamik gekennzeichnet. Derzeit sind zahlreiche große Investitionsvorhaben in der Chemie und Petrochemie im Gange, weitere für 2008 geplant. Die russische Chemieindustrie verzeichnete nach einer Abschwächung 2006 in den ersten vier Monaten 2007 einen überraschend starken Produktionsanstieg von 10,2% gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres. Die Mineraldüngerindustrie (vor allem Kali) legte dabei mit +11,5% kräftig zu, aber auch die Produktion von Kunststoff (insbesondere Polypropylen, Polystyrol, Polyethylen) und Gummierzeugnissen stieg mit +23,7% deutlich an. Fachleute führen das auf die allgemein gut laufende Konjunktur, den warmen Winter, aber auch auf Sondereffekte, wie die Inbetriebnahme neuer großer Anlagen, zurück. In der chemischen und petrochemischen Industrie sind derzeit zahlreiche große Vorhaben im Gange. Die Investitionen zeigen deutlich nach oben (Januar bis September 2006: +34,5%; 45 Mrd. Rbl bzw. 1,32 Mrd. Euro). In der Kunststoff- und Gummiindustrie stiegen die Investitionen im gleichen Zeitraum um 2,7% auf 8,1 Mrd. Rbl. Die Exporte sind eine wichtige Stütze des Zweiges, das Wachstumstempo nimmt aber ab. Einer der Gründe: Die Nachfrage auf dem Binnenmarkt wird stärker, die Preise dort sind zum Teil attraktiver. Die Ausfuhren (HS-Gruppen 28 bis 38) stiegen von 5,6 Mrd. US$ (2000) auf 11,3 Mrd. US$ (2005), sanken aber 2006 leicht auf 11,0 Mrd. US$. Anders die Importe, die sehr stark zulegten - von 4,5 Mrd. US$ (2000) auf 11,3 Mrd. US$ (2005) und 14,6 Mrd. $ (2006). In zahlreichen Segmenten kann die lokale Industrie die Nachfrage im Hinblick auf Sortiment und Qualität nicht decken. Die Regierung wird voraussichtlich im Juni 2007 ein Strategiepapier für die Entwicklung der chemischen und erdölchemischen Industrie bis zum Jahr 2015 beraten. Ziel ist, die Notwendigkeit staatlicher Maßnahmen zur Unterstützung des Zweiges zu untermauern. Das Papier ist abrufbar unter http://www.minprom.gov.ru/activity/chem/strateg/0.
*) Prognose Quelle: Ministerium für Industrie und Energie der Russischen Föderation, Entwicklungsstrategie bis 2015 Zu den großen Problemen des Zweiges gehören die Überalterung der Anlagen und der große technologische Rückstand. Gegenüber westlichen Unternehmen wird dieser auf 15 bis 20 Jahre geschätzt.
Quelle: Ministerium für Industrie und Energie der Russischen Föderation (evtl. Abweichungen durch Rundung)
Quelle: Föderaler Statistikdienst der Russischen Föderation (Rosstat) AgrarchemikalienDer allergrößte Teil der russischen Düngerproduktion geht in den Export. Anders als in den 1990er Jahren steigt jedoch die Binnennachfrage nach Mineraldünger deutlich. Die russische Landwirtschaft nimmt derzeit rund 1,5 Mio. t Mineraldünger pro Jahr ab, notwendig wären aber nach Expertenschätzungen 6 Mio. t. Zwischen 2002 und 2006 legte der Verbrauch von Phosphatdünger um 85%, von Kalidünger um 30% und von Stickstoffdünger um 8% zu. Laut Prognosen der größten russischen Mineraldüngerholding wird die Binnennachfrage in den nächsten Jahren um 10% bis 15% p.a. zulegen. Der gestiegene Verbrauch ist zum einen auf die verbesserte finanzielle Situation insbesondere der großen Agrarbetriebe zurückzuführen. Zum anderen zeigen aber auch staatliche Initiativen Wirkung: Das Nationalprogramm zur Erneuerung des Agrarsektors, Beihilfen zur Beschaffung von Dünger (Branchenangaben zufolge erstmals für 2007 vorgesehen) und andere Maßnahmen, etwa zur Verbesserung der Bodenqualität. Im Sommer soll ein neues Förderprogramm für die Landwirtschaft mit einer Laufzeit von fünf Jahren verabschiedet werden. Ein wichtiges Thema sind die steigenden Energie- bzw. Erdgaskosten. Hersteller von Stickstoffdünger verfügten dank der niedrigen Binnenpreise für Erdgas über erhebliche Kostenvorteile gegenüber ihren ausländischen Wettbewerbern. In den nächsten Jahren ist jedoch eine deutliche Anhebung der Erdgaspreise geplant. Die über den geringeren Gaspreis erzielten Vorteile werden damit schwinden. Ein Kostennachteil der russischen Hersteller ist die große Entfernung der meisten Werke von Häfen (Transportkosten). Ein großer Teil der Produktionsanlagen ist zudem veraltet und verbraucht zu viel Erdgas. Nach Schätzungen benötigt die Mineraldüngerindustrie rund 20 Mrd. bis 22 Mrd. cbm pro Jahr, davon die Holding Eurochem rund 4 Mrd. cbm. Maßnahmen zur Erhöhung der Energieeffizienz und zur Kostensenkung (z.B. moderne Ammoniak-Anlagen) gehören zu einem der Schwerpunkte der Investitionen des Zweiges. Zu den größten Investitionsvorhaben des Zweiges gehört die Erschließung einer Kali-Lagerstätte im Gebiet Wolgograd durch die Holding Eurochem. Die Vorräte werden auf 1,2 Mrd. t Kalisalze geschätzt, die Jahresproduktion soll 2 Mio. t Kalidünger betragen. Die Investitionen werden sich auf 1 Mrd. $ (fünf Jahre) belaufen. Ein weiteres Großvorhaben ist die geplante Ausbeutung der Apatit-Nephelin-Vorkommen in Olenij Rutschej durch ZAO SZFK, einer Tochter des Akron-Konzerns. Farben und LackeDer Markt für Farben und Lacke wächst kräftig - getragen von Impulsen, die von der Bauwirtschaft und der Industrie (z.B. Kfz-Industrie) ausgehen. Nach Schätzungen der Zeitschrift "Chim-Kurier" stieg der Verbrauch 2006 um 9% gegenüber dem Vorjahr auf über 1,1 Mio. t. Der Importanteil lag bei cirka 21%. Für die nächste Zeit kann weiter mit einem starken Wachstum gerechnet werden. Auch die Inlandsproduktion nimmt weiter zu. Am dynamischsten entwickelt sich das Segment Wasser-Dispersionslacke. Daneben drängen ausländische Unternehmen mit Beteiligungen auf den Markt. Im Jahr 2006 gründeten DuPont und Russkije Kraski ein Joint Venture für Kfz-Lacke. Das finnische Unternehmen Tikkurila (Konzern Kemira) erwarb Mehrheitsaktienpakete an OOO Gamma (Industrielacke) und OOO Ochtinskij Zawod Poroschkowych Krasok (Pulverlacke). Zuvor übernahmen die Finnen den Sankt Petersburger Hersteller Teks.
1) einschließlich Lack-Halbfabrikate zur Herstellung von Emaille, 2) geschätzt von "Chim-Kurier"- Experten; Diese Schätzungen, die auch den informellen Sektor erfassen, liegen deutlich über den offiziellen Angaben des Statistikamtes; 3) nach eigenen Angaben des Unternehmens: 48.300 t, davon 34.800 t Handelsware, Gemeinschaftsunternehmen Dupont-Russkije Kraski: 7.363 t Quelle: Fachzeitschrift "Chim-Kurier" IndustriechemikalienDie Ammoniak-Produktion stieg 2006 um 3% auf 12,8 Mio. t. Die Auslieferungen auf den Binnenmarkt bzw. der Eigenverbrauch gingen leicht zurück (2006: 9,2 Mio. t, 2005: 9,3 Mio. t, 2004: 8,6 Mio. t). Die Exporte stiegen dank der guten Nachfrage auf dem Weltmarkt um 16% auf 3,6 Mio. t (Wert: rund 703 Mio. US$).
Quelle: "Chim-Kurier" Der Methanolverbrauch nimmt zu (Januar bis September 2006: +3%) - vor allem infolge steigender Eigenverarbeitung der Hersteller. Nach Prognosen der Marktforschungsfirma Creon wird die Produktion von derzeit rund 2,9 Mio. auf rund 3,6 Mio. t bis 2011 steigen. Der Binnenverbrauch erhöht sich dann von rund 1,46 Mio. t auf 2,2 Mio. t. Neben Akron, Togliattiazot verfolgt auch Schtschelkinoazot größere Investitionsvorhaben im Bereich Methanol. Neben einer neuen Anlage (Inbetriebnahme: Ende 2008) will das Unternehmen die Weiterverarbeitung in Formaldehyd-Produkte ausbauen. Im Jahr 2007 soll ein Vorhaben zur Produktion von Dimethylether (DME) und 2008 der Umbau bestehender Caprolactam-Anlagen realisiert werden.
Quelle: "Chim-Kurier"
Quelle: Marktforschungsunternehmen Creon (Moskau) Die russische Styrol-Erzeugung nimmt schwächer (Januar bis Oktober 2006: +1,2%) zu als der Binnenverbrauch (+8%). Der größte Teil (etwa 85%) wird für die Erzeugung von Polystyrol und Styrolcopolymeren eingesetzt. Mehr als die Hälfte der Produktion (2005: 580.000 t) wird exportiert (243.000 t). Mit Ausnahme von Sibur-Chimprom verarbeiten die Styrol-Hersteller ihre Produktion zu einem Viertel bis zu einem Drittel selbst.
*) ohne Exportlieferungen; Quelle: "Chim-Kurier" Erdölverarbeitung und PetrochemieDie lokale Primärölverarbeitung steigt schneller als zunächst prognostiziert. Das ist auf zwei Faktoren zurückzuführen: Die Binnennachfrage nach Ölprodukten nimmt zu. Die hohen Exportzölle für Erdöl machen die Verarbeitung vor Ort rentabler. Der Anteil des in Russland selbst verarbeiteten Öls an der Fördermenge nahm von 44,2% (2005) auf 45,7% (2006) zu. Die Verarbeitungstiefe läuft sich auf 71,7%.
Quelle: Rosstat Vertreter der Ölindustrie befürchten, dass es angesichts des stark wachsenden Pkw-Bestandes bereits 2010 zu einer Knappheit an hochwertigen Kraftstoffen auf dem Binnenmarkt kommen könnte. Eine radikale Modernisierung der überalterten Raffinerien wäre notwendig. Deren Kosten werden auf 15 Mrd. bis 20 Mrd. US$ geschätzt. Der größte Verarbeiter, Konzern Lukoil, verfolgt ein langfristiges Programm an und kündigte allein für 2007 Ausgaben von rund 800 Mio. US$ dafür an. Hohe Investitionen haben auch Rosneft und TNK-BP eingeplant. Milliardeninvestitionen in Erdölchemie und Gasverarbeitung plant die größte russische Chemieholding Sibur ( http://www.sibur.ru; Gazprom). Geplant sind u.a. die Modernisierung und Erweiterung von Anlagen der Gasverarbeitungskomplexe GPK Nishnewartowsk und Jushno-Balykskij GPK sowie der Bau eines Gaschemiekomplexes im Gebiet Tomsk und die Erweiterung des Olefin- und Polyelefin-Komplexes von OAO Tobolsk-Neftechim. Umfangreiche Investitionen in diversen Chemiesparten bis zum Jahr 2010 plant die neu gegründete Chemiegruppe Renova-Orgsyntez ( http://www.renova.ru). Mehrheitsaktionär ist die Holding Renova Industry des Unternehmers Wiktor Wechselberg. Schwerpunkte der Aktivitäten (auch Akquisitionen und Fusionen) werden die Erdölchemie, Mineraldünger, die Grundstoffchemie und Produkte der Vinyl-Gruppe sein. Renova-Orgsyntez verwaltet derzeit Beteiligungen (zum Teil Minderheitsaktienpakete) an Chimprom Wolgograd, Togliattiazot, Promsintez, Prochimia, Sajanskchimplast und ZAO Neftechimia. (W.L.) |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| < zurück | weiter > |
|---|
RU
Weitere Informationen 






