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Russland will Lieferant für die Solarindustrie werden | Drucken |

Drei Werke zur Produktion von Polysilicium geplant / Großer technologischer Rückstand zum Westen / Von Gerit Schulze

Moskau (bfai) - Russlands Chemieindustrie will vom weltweiten Boom der Solarenergie profitieren. Gleich drei Unternehmen planen die Produktion von polykristallinem Silicium, das für die Herstellung von Photovoltaik-Modulen benötigt wird. Perspektivisch soll auch in die Fertigung von Wafer-Scheiben zur Energiegewinnung aus Sonnenlicht investiert werden. Branchenkenner sehen die russischen Ambitionen skeptisch.

Im winter- und rohstoffreichen Russland war die Sonnenenergie lange kein Thema. Doch inzwischen wollen sich russische Unternehmer zumindest als Zulieferer für westliche Hersteller von Photovoltaik-Zellen etablieren. Mitte Dezember 2006 hat die Chemie-Gruppe Nitol ein Investitionsprogramm für die Herstellung von polykristallinem Silicium (Polysilicium) bekannt gegeben, das ein wichtiger Ausgangsstoff für Solarzellen ist. Der Konzern plant bis Ende 2008 in Usolje-Sibirskoje bei Irkutsk eine Produktionskapazität von 600 t, die später auf 800 t ausgebaut werden soll. Dafür sind Investitionen von 1,3 Mrd. Rubel (rund 38 Mio. Euro, 1 Euro = 34,40 Rubel, Stand: 17.01.07) vorgesehen.

Laut Medienberichten liegt der jährliche Verbrauch von polykristallinem Silicium in Russland heute nur bei 500 t. Nitol gibt die Weltproduktion 2005 mit rund 32.000 t an und rechnet bis 2010 mit einem Volumen von 70.000 t. Das Unternehmen hofft, perspektivisch rund 5% des Weltmarktes für polykristallines Silicium zu besetzen. Als Partner hat sich der Chemiekonzern das US-Unternehmen Fluor Corp. ausgesucht, das technologische Beratung für das Projekt bereitstellen soll. Standortvorteile des Gebietes Irkutsk sind nach Ansicht von Nitol die Nähe des Rohstofflieferanten Kremnij in Schelichow sowie die günstigen Energiepreise in der Region. Nitol gehört zu den kleineren russischen Chemiekonzernen mit einem Jahresumsatz von rund 150 Mio. US$ im Jahr 2006.

Eine weitere Polysilicium-Fabrik ist in der Moskauer Oblast geplant. Die inzwischen teilweise verschmolzenen Unternehmen Podolskij chimiko-metallurgitscheskij sawod und Podolskij silikon planen dort ab 2009 auch die Produktion von Solarzellen. Mit Investitionen von 5 Mrd. Rubel sollen dafür Jahreskapazitäten von 564 t monokristallinem und 600 t polykristallinem Silicium errichtet werden.

An einen Export des Polysiliciums ist aber vorerst nicht gedacht. "Das brauchen wir zunächst für den eigenen Bedarf", erklärte eine Projektmanagerin auf bfai-Anfrage. Das Unternehmen wolle selbst Solarmodule herstellen und diese im Westen verkaufen, vor allem nach Deutschland und Spanien. In Russland dagegen gebe es dafür bislang noch keinen Markt. Die Gesamtleistung der produzierten Photovoltaik-Zellen in Podolsk soll bei 60 MW pro Jahr liegen.

Wie schwer die Solartechnik auf dem einheimischen Markt abzusetzen ist, weiß auch das Rjasaner Werk für metallkeramische Geräte RSMK. Das auf Luftfahrt-, Weltraum- und Militärtechnik spezialisierte Unternehmen produziert heute Solarmodule. Doch fehlende Regierungsprogramme zur Unterstützung der Photovoltaik, wie etwa in Deutschland, verhinderten einen Boom auf dem Inlandsmarkt, erklärte ein Sprecher der Geschäftsführung auf Anfrage. RSMK bemühe sich derzeit um Zertifikate für den westeuropäischen Markt, um dort seine Solarzellen abzusetzen. Ein Bremsklotz für die Entwicklung sei aber der Mangel an geeignetem Silicium.

Kein Wunder also, dass es noch ein drittes Projekt zur Polysilicium-Produktion in Russland gibt. Im Testverfahren wurden im Gorno-chimitscheskij kombinat in Schelesnogorsk (Gebiet Krasnojarsk) bereits Mitte 2006 einige Kilogramm des Ausgangsstoffes für Solarzellen hergestellt. Allerdings fehlt bislang noch ein Finanzkonzept, um die geplante Jahresproduktion von 200 t in den nächsten Jahren zu erreichen.

Die weltweit führenden Hersteller von Silicium für die Solarindustrie sind Hemlock Semiconductor und MEMC (USA), REC (Norwegen), die deutsche Wacker Chemie (Deutschland) sowie Tokuyama und Mitsubishi (Japan). Sie haben einen technologischen Vorsprung, den sie bislang nicht mit den russischen Anbietern teilen wollen. Nach Informationen von Branchenexperten gilt das vor allem für den Abscheideprozess während der Herstellung von Polysilicium, bei dem große Mengen Tetrachlorsilan frei werden.

Skeptisch sieht daher Deutschlands größter Hersteller, die Wacker Chemie AG, Russlands Ambitionen, auf dem Weltmarkt für Polysilicium mitzumischen. Die bisher geplanten Kapazitäten seien relativ klein (zum Vergleich: Wacker baut sein Werk in Burghausen derzeit für eine Jahresproduktion von bis zu 14.500 t Polysilicium aus). Außerdem haben die potenziellen Produktionsstätten im Land viele Jahre brach gelegen und damit den Anschluss an die moderne Technologie verpasst, meint Friedhelm Graf, der bei Wacker Chemie unter anderem für das Russland-Geschäft zuständig ist.

Immerhin biete der Standort Irkutsk einige Vorteile wegen der nahen Siliciumsand-Vorkommen und der niedrigen Energiepreise. Für Wacker komme eine Polysilicium-Produktion in Russland mittelfristig aber nicht in Frage, da der aktuelle Ausbau der Produktionskapazitäten im bayerischen Burghausen die technischen Ressourcen voll bindet. Für den Ausbau am bestehenden Standort in Deutschland sprachen vor allem die schnellere Realisierungszeit und die hervorragende Infrastruktur, so das Unternehmen. (S.Z.)

 
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