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Russland plant Milliarden fuer Kraftwerke ein | Drucken |

Stromverbrauch könnte sich bis 2020 verdoppeln / Generalplan für den Elektrizitätssektor verabschiedet / Von Waldemar Lichter

Moskau (bfai) - Russland muss seine installierten Kraftwerkskapazitäten bis 2020 um 60 bis 100% erhöhen, damit der stark steigende Strombedarf befriedigt werden kann. Prognosen zufolge wird der Stromverbrauch von 990 Mrd. kWh im Jahr 2006 auf 1.710 Mrd. bis 2.000 Mrd. kWh im Jahr 2020 zunehmen. Die Kapazitäten müssten von 219 GW auf 349 GW bis 401 GW aufgestockt werden. Mitte April 2007 nahm die Regierung einen Generalplan für die Stromwirtschaft bis 2020 an. Das Dokument, das noch verfeinert werden soll, wird die Grundlage für die Investitionsplanung bilden.

Dank der guten Wirtschaftskonjunktur wächst der Strombedarf in Russland deutlich schneller als vor Jahren erwartet. Die geringe Energieeffizienz der russischen Wirtschaft trägt das Übrige zum starken Anstieg des Konsums bei. So wurde 2006 nach Angaben des Wirtschaftsministeriums 3,7% mehr Strom verbraucht als 2005. Zum Vergleich: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nahm im gleichen Zeitraum um 6,7% zu. In vier Jahren wird Russland erstmals mehr Strom konsumieren als im bisherigen Rekordjahr 1990.

Auf einen solchen Ansturm ist der Stromsektor jedoch kaum vorbereitet. Fünfzehn Jahre lang wurde kaum in neue Kraftwerke investiert und nur wenig modernisiert. Reserven für mehr Stromproduktion gibt es kaum. Der hohe Anteil von knappem und teuer werdendem Erdgas erweist sich zunehmend als ein Riesenproblem. Fertig gestellte und effektive erdgasbefeuerte Kraftwerke kommen nicht richtig ins Laufen, weil sie nicht genügend Erdgaszuteilungen bekommen.

In den Regionen Moskau und Sankt Petersburg sowie im Gebiet Tjumen wird schon ein Defizit von Erzeugungskapazitäten festgestellt. In den Jahren 2007/08 könnte das in dreizehn weiteren regionalen Energiesystemen der Fall werden, warnt das russische Wirtschaftsministerium. Eine Besserung ist erst in Sicht, wenn die geplanten Milliarden-Investitionen zu greifen beginnen.

Bis 2020 werde die russische Stromwirtschaft den Binnenbedarf vollständig selbst decken können, verspricht Industrie- und Energieminister Viktor Christenko. Der Investitionsbedarf in allen Bereichen - Erzeugung (konventionelle Kraftwerke, Wasser- und Kernkraft), Übertragung und Verteilung - wird auf mindestens 420 Mrd. $ geschätzt. Am stärksten sollen dabei die Erzeugungskapazitäten im Kernkraft-Bereich und bei kohlebefeuerten Kraftwerken steigen laut dem jetzt verabschiedeten Generalplan. Der Anteil von Erdgas bei der Energieerzeugung soll dagegen von 43 auf 35% sinken.

Prognose über die Entwicklung der Stromproduktion und des Verbrauchs bis 2010 (Mrd. kWh)
  2006 (Ist) 2007 (Prognose) 2010 (Prognose)
Stromproduktion 991,4 1.010,6 1.106 bis 1.159
Stromverbrauch 975,7 1.001 1.092 bis 1.142
Stromexporte 20,9 20,4 25 bis 28

Quelle: Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Handel der Russischen Föderation

Bei der Kernkraft ist an die Inbetriebnahme von je einem Kraftwerksblock pro Jahr ab 2009 gedacht. Ab 2015 sollen es schon drei Blöcke pro Jahr werden. Zusätzlich sollen ab 2017 kleine Blöcke (300 MW) ans Netz gehen. Geplant ist, bis 2020 insgesamt mindestens 32,3 GW (Basisvariante des Plans mit einer durchschnittlichen Zunahme des Stromverbrauchs von 4,1% pro Jahr) an installierten Kernkraft-Kapazitäten in Betrieb zu nehmen.

Bei Wasserkraft sind 21,6 GW bis 27,1 GW an zusätzlichen Erzeugungskapazitäten vorgesehen. Bei kohlebefeuerten Kraftwerken werden 47,5 GW bis 86 GW, bei erdgasbefeuerten Anlagen 78,2 GW bis 79,8 GW eingeplant. Gleichzeitig sollen wenig effiziente gasbefeuerte Kraftwerksanlagen mit einer Leistung von 39,9 MW vom Netz genommen werden.

Um das Energiesystem Sibiriens an das Stromnetz im europäischen Teil Russlands anzubinden, ist eine Reihe von großen Investitionsvorhaben bei Überlandleitungen geplant. So sollen unter anderem Gleichstromleitungen Sibirien-Tjumen (500 kV), Sibirien-Ural-Zentrum (750 kV) und zwei Linien vom Wasserkraftwerk Jewenkijskaja GES nach Tjumen (750 kV) gebaut werden.

Wechselstrom-Transitleitungen (500 kV) werden auf den Strecken Sibirien-Ural (Barnaul-Omsk-Kurgan) und Sibirien-Tjumen (Nowosibirsk-Omsk-Ischim-Irtysch) errichtet bzw. fertig gestellt. Im europäischen Teil Russlands sollen die 750-kV-Ringleitung und ein zweiter 500-kV-Ring bei Moskau beendet werden. Außerdem sind mehrere Transitleitungen (750 kV- und 500-kV-Gleichstromleitung) vom Ural Richtung Zentralrussland geplant.

Insgesamt ist bis 2010 die Inbetriebnahme von mindestens 13.600 km an neuen 220-kV-Leitungen vorgesehen. Zwischen 2011 und 2020 sollen 22.000 km 220-kV-Linien und 21.000 km Leitungen mit 330 kV und mehr folgen. Damit sollen der Transport von Strom der geplanten neuen Kraftwerke und die Stabilität des gesamten Systems gewährleistet werden.

Geplante Inbetriebnahme neuer Stromerzeugungskapazitäten in Russland bis 2020 (in GW)
  Inbetriebnahme neuer Kapazitäten bis 2020 (Basisvariante) 1) Inbetriebnahme neuer Kapazitäten bis 2020 (maximale Variante) 2)
Kernkraft 32,3 38
Wasserkraft 21,6 27,1
Kohlebefeuerte Kraftwerke 47,5 86
Erdgasbefeuerte Kraftwerke 78,2 79,8
..Stilllegung erdgasbefeuerter Anlagen 39,9 39,9
Erzeugungskapazitäten, insg. geplanter Bedarf 349 401

1) Zunahme des durchschnittlichen Stromverbrauchs von 4,1% pro Jahr bis 2020, Verbrauch 2020: 1.710 Mrd. kWh; 2) Zunahme des durchschnittlichen Stromverbrauchs von 5,2% pro Jahr bis 2020, Verbrauch 2020: 2.000 Mrd. kWh

Quelle: Ministerium für Industrie und Energie, Viktor Christenko

(W.L.)


 
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