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Russische Flugzeugindustrie sucht Kooperationspartner | Drucken |

Fachmesse "MAKS-2007" zeigt neues Selbstbewusstsein der Branche / Aufträge für deutsche Hersteller / Von Gerit Schulze

Moskau (bfai) - Russland hat auf der Luftfahrtmesse "MAKS-2007" Ende August seine Ambitionen unterstrichen, im Flugzeugbau wieder eine wichtige Rolle zu spielen. Mit neuen Modellen und mehr Service soll der Anschluss an die Weltspitze gelingen. Schon 2025 möchte die neu gegründete Branchenholding OAK drittwichtigster Hersteller nach Airbus und Boeing sein. Deutsche Unternehmen sind als Zulieferer und Kooperationspartner gefragt. (Kontaktanschrift)

 

"Russland meint es wirklich ernst mit dem geplanten Wiederaufstieg zur Flugzeugbaunation", sagt Jens Krüger, Sprecher des Bundesverbands der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI). Das hätten die Präsentationen auf der Messe "MAKS-2007" gezeigt, vor allem aber die Bildung der Branchenholding OAK, unter deren Dach sich Konstruktionsbüros wie Suchoi, Irkut, Tupoljew, MiG oder Iljuschin Ende 2006 auf Drängen des Kreml zusammengeschlossen haben.

Der Schritt war nötig, denn das Land hat in den letzten zwei Jahrzehnten viel vom Wissen und dem Fachkräftepotenzial aus Sowjetzeiten verloren. Es fehlt eine zuverlässige Zulieferindustrie und ein weltumfassender Kundenservice. Der Rückstand zur Weltspitze sei größer geworden, räumt Krüger ein. Das gelte etwa bei Verbundstoffen oder bei der Triebwerkstechnik, die zu laut und zu energiehungrig sei. "Dennoch hat es das Land geschafft, seine Luftfahrtindustrie am Leben zu halten."

Darauf soll die OAK nun aufbauen, deren Ziele ehrgeizig sind. Kapital für die nötigen Investitionen kommt vor allem vom Staat. Aus dem föderalen Haushalt fließen allein 2007 und 2008 jeweils über 860 Mio. US$ in die Branche. Bis 2025 soll die Holding jährlich 300 Passagier-, sowie 200 Transport und Militärflugzeuge produzieren. Wenn der Konzern dann, wie geplant, zu den drei führenden Flugzeugbauern weltweit gehören will, müsse Russland aber mit westlichen Unternehmen kooperieren, glaubt BDLI-Sprecher Krüger. Daher sieht er gute Geschäftsmöglichkeiten für deutsche Branchenvertreter auf dem russischen Markt.

Das Interesse ist groß, wie die jüngste Internationale Luft- und Raumfahrtmesse (MAKS, 21. bis 26.8.07) in Schukowskij bei Moskau gezeigt hat. Rund 30 deutsche Unternehmen haben am Gemeinschaftsstand der Bundesrepublik ihre Produkte und Dienstleistungen gezeigt.

Darunter war auch die RUAG Aerospace Service GmbH, die sich auf Wartung und Überholung von Geschäfts- und Privatflugzeugen spezialisiert hat. "Dieses Segment verzeichnet in Russland ein extremes Wachstum", erklärt Verkaufsmanager Stefan Benz. Bislang repariert RUAG die Businessjets neureicher Russen in Deutschland. Sollte das Geschäftsvolumen weiter so zulegen, ist eine eigene Servicewerkstatt im Großraum Moskau geplant. Benz schätzt, dass inzwischen etwa 250 Privat- und Geschäftsflugzeuge in Russland unterwegs sind, immerhin ein Viertel des gesamten europäischen Marktes.

Doch im Flugzeugbau will Russland nicht mit kleinen Businessjets, sondern bei zivilen Passagierflugzeugen international wieder ein Wörtchen mitreden. Die größten Hoffnungen ruhen auf dem Regionalflieger SuperJet-100, von dessen Erfolg wohl Aufstieg oder Fall der Branche abhängen. Der Jungfernflug ist noch für dieses Jahr geplant, ab 2008 beginnt die Serienproduktion.

Die von der Suchoi-Tochter Graschdanskie samoljoty Suchowo (GSS) entwickelte Maschine wurde von vornherein für den globalen Markt konzipiert; potenzielle Kunden, Piloten und Bordpersonal sind an den Planungen beteiligt. Außerdem hat Suchoi internationale Größen des Flugzeugbaus wie Honeywell, Parker, Thales, Liebherr oder Goodrich als Lieferanten mit ins Boot geholt.

Strategischer Partner ist Alenia Aeronautica. Die Italiener helfen bei der Konstruktion des Rumpfes und bei der Vermarktung des Flugzeugs. Im August 2007 haben Alenia und Suchoi ein Joint Venture (Alenia 51%, Suchoi 49%) gegründet, das sich um Absatz und After-Sales-Service des SuperJet kümmern soll. Die französische Snecma Moteurs entwickelt zusammen mit dem russischen Motorenbauer NPO Saturn die Triebwerke vom Typ SaM-146. Selbst Konkurrent Boeing hilft GSS mit Consulting-Diensten für das Flugzeug.

Wichtigste Wettbewerber für den SuperJet sind die kanadische Bombardier und die brasilianische Embraer. Außerdem konkurrieren die chinesische AVIC I und die japanische Mitsubishi Heavy Industries um Aufträge von rund 100 Mrd. $, die in den nächsten 20 Jahren weltweit für neue Regionalflugzeuge ausgegeben werden sollen.

Bislang hat Suchoi für das Flugzeug nach eigenen Angaben 71 feste Bestellungen akquirieren können, darunter hauptsächlich von den drei russischen Kunden Aeroflot, Dalavia und AiRUnion. Im Juni dieses Jahres ging auch der erste Auftrag von einer ausländischen Fluggesellschaft aus Italien ein. Etwa 350 SuperJets müsste Suchoi verkaufen, um seine Entwicklungskosten wieder einzuspielen. Das Unternehmen rechnet bis 2024 jedoch mit einem Absatz von 800 Einheiten.

Von dem Projekt profitieren auch mittelständische Unternehmen aus Deutschland. Dazu gehört die Hydro-Gerätebau GmbH aus Biberach. Die Badener haben von GSS eine Lizenz zur Lieferung von Spezialhebern bekommen, mit denen die Triebwerke in das Flugzeug eingebaut werden. Außerdem liefert Hydro Wartungsgeräte zum Radwechsel an Airlines oder Hersteller im Land. "Der Markt hier wächst sehr schnell, weil die Russen massiv investieren", erklärt Verkaufsmanager Thomas Hohl. Dabei hätten russische Kunden einen wichtigen Vorteil: "Sie zahlen immer voraus."

Auch die Enersys-Tochter Hawker aus Nordrhein-Westfalen verdient bereits am SuperJet-100. "Wir liefern Batterien für den Start des Flugzeugs und für die Notstromversorgung", sagt Peter Ludwig, Experte für den Absatz in Osteuropa. Hawker ist damit einer von zwei Herstellern, bei denen Suchoi exklusiv solche Batterien einkauft.

Gute Aufträge verbucht auch Liebherr Aerospace mit Lüftungsanlagen und Flugsteuerung für den SuperJet. Das Nürnberger Unternehmen Leistritz Turbomaschinen Technik GmbH soll Teile für das Triebwerk produzieren.

Der Industrieverband BDLI empfiehlt deutschen Unternehmen auf jeden Fall, sich möglichst schnell für den russischen Markt zu öffnen und Kooperationsmöglichkeiten zu suchen. Deutschland sei gut positioniert, doch andere Nationen bemühten sich aktuell ebenfalls sehr aktiv um russische Kundschaft.

So wurde während der MAKS-2007 bekannt, dass die französische Sagem Defence Securite und das Forschungs- und Konstruktionsbüro RPKB in Ramenskoje künftig bei der Entwicklung von Navigationssystemen für Flugzeuge zusammenarbeiten wollen. Ein Joint Venture für die Wartung und Instandhaltung von Triebwerken planen auch Snecma Services (Frankreich), Aeroflot und der Flugzeugreparaturbetrieb WARS-400.

Der SuperJet-100 ist nicht das einzige Modell, mit dem Russland wieder Tritt fassen will auf dem Weltmarkt. Flugzeughersteller Irkut wurde von der Holding OAK beauftragt, ein Standardrumpfflugzeug zu entwickeln (Projektname MS-21). Die Maschine soll zwischen 150 und 200 Passagiere aufnehmen können und ab 2012 ausgeliefert werden. Eine Studie von McKinsey hatte 2003 für dieses Modell einen potenziellen Absatz von 300 bis 500 Stück auf dem Binnenmarkt prognostiziert.

Auch das Konstruktionsbüro Tupoljew - deren bisherige Bestseller Tu-154 und Tu-134 mächtig in die Jahre gekommen sind - plant zwei neue Modelle. Dazu gehört ein Mittelstreckenflugzeug, das bis 2010 zertifiziert sein soll. Außerdem will Tupoljew eine Großraummaschine mit 250 bis 270 Sitzplätzen und einer Reichweite von 5.000 Kilometer auf den Markt bringen.

Kontaktanschrift

Objedinennaja awiastroitelnaja korporazija (OAK)

(Vereinigte Flugzeugbauholding)

Ulanskij pereulok 22, Gebäude 1, 103045 Moskau

a/ja 624 (Postfach)

Tel.: 007 495/540 14 20, -221 36 51

E-Mail: <link>mailto:office@uacrussia.ru</link>

(S.Z.)

 
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