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Nowosibirsk rückt immer stärker ins Rampenlicht | Drucken |

Region profiliert sich als Logistik- und Forschungszentrum / Großer Bedarf an Baumaterialien und Maschinen / Von Gerit Schulze

Nowosibirsk (bfai) - Die russische Region Nowosibirsk will enger mit deutschen Unternehmen zusammen arbeiten. Die Gebietshauptstadt gilt als Zentrum Sibiriens und boomt vor allem beim Wohnungs- und Gewerbebau. Große Nachfrage besteht deshalb bei Baumaterialien aber auch bei Maschinen und Ausrüstungen für den industriellen und Agrarsektor. Die Regionalverwaltung ist zudem an Kooperationen in den Bereichen Logistik, städtische Infrastruktur und Energie interessiert.

Im Unterschied zu anderen russischen Regionen ist Nowosibirsk nicht allzu reich mit Rohstoffen gesegnet und muss deshalb vor allem auf die verarbeitende Industrie, Landwirtschaft und den Transportsektor setzen. Die Diversifizierung zahlt sich aus: Mit einem Zuwachs von 9,9% legte die Industrieproduktion in der Oblast 2006 fast dreimal so schnell zu wie im russischen Durchschnitt (3,9%).

Von der Dynamik überzeugte sich vom 22. bis 24.3.07 der Deutsche Botschafter in der Russischen Föderation, Dr. Walter Jürgen Schmid, bei einer Reise nach Nowosibirsk. Er traf dort unter anderem Gouverneur Wiktor Tolokonskij und Bürgermeister Wladimir Gorodetzkij, um über einen Ausbau der deutsch-sibirischen Wirtschaftsbeziehungen zu sprechen. Zu der Delegation gehörten auch deutsche Unternehmer aus den Branchen Finanzen und Versicherung, Maschinenbau oder Baumaterialien, die Kontakte für ein mögliches Engagement in der Region knüpften.

Der Aufschwung in Sibiriens Hauptstadt ist nicht zu übersehen. Am Flughafen werden die Besucher in einem neuen Terminal empfangen. Für eine halbe Milliarde Euro soll der Airport bis 2026 zu einem internationalen Drehkreuz ausgebaut werden. In Nowosibirsk schießen Bürohochhäuser und Wohngebäude aus dem Boden. Internationale Unternehmen investieren in neue Produktionsstätten oder Niederlassungen. Sie treffen auf eine immer kaufkräftigere Kundschaft, wie auch die Einzelhandelsumsätze in der Oblast zeigen. Sie sind 2006 real um 12,2% auf über 166 Mrd. Rubel gestiegen. Derzeit baut Ikea für 150 Mio. US$ ein Einkaufszentrum in Nowosibirsk, Metro plant die Eröffnung eines Cash & Carry-Marktes.

Die Nowosibirsker Oblast bietet das größte Wissenschaftspotenzial in Sibirien mit 74 Forschungsinstituten und 13 Einrichtungen für Technologieentwicklung. Allein in der Gebietshauptstadt sind über 170.000 Studenten an 43 Hochschulen eingeschrieben. Die Unternehmen der Region profitieren schon heute von den Entwicklungen in den Instituten. So produziert das Nowosibirsker Chemiewerk NSChK seit Ende 2006 Katalysatoren, mit denen Erdöl und Gaskondensat zu hochwertigem Benzin nach EU-Standards verarbeitet werden kann. Die Katalysatoren wurden in der Sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften entwickelt. Kunden aus arabischen Ländern oder der Ukraine sind an dem Produkt interessiert.

Eines der wichtigsten Investitionsprojekte ist der Technopark in der berühmten Wissenschaftlersiedlung Akademgorodok. Als Entwicklungsgesellschaft und strategischer Investor fungiert die Moskauer RosEwroDevelopment, den Generalplan hat die englische RMJM entwickelt. Ziel ist es, Forschungsergebnisse der lokalen Universitäten schneller und einfacher in eine kommerzielle Nutzung zu überführen. Schwerpunkte sind Biomedizin und Biotechnologien, Informationstechnologien, Leistungselektronik und Gerätebau.

Der Technopark soll als Inkubator für die Ausgründung von kleinen, innovativen Unternehmen dienen. Für die nötige Infrastruktur wie Labors, Wohnviertel, Bürogebäude, Produktionsanlagen und Kongresszentrum sind zwischen 2006 und 2015 Investitionen von rund 500 Mio. Euro geplant. Erste Pilotprojekte könnten nach Vorstellungen der Initiatoren 2008 starten. Die Region Nowosibirsk verspricht sich von dem Vorhaben 10.000 neue Arbeitsplätze.

Für Aufschwung und Traumrenditen sorgt schon jetzt der Bau von Wohn- und Geschäftsimmobilien in Nowosibirsk. Als wirtschaftliches und administratives Zentrum ganz Sibiriens gibt es in der Stadt einen großen Bedarf an repräsentativen Büros. Doch vor allem Objekte der Klasse A waren bislang kaum auf dem Markt. Mit dem RosEwroPlaza (Investor: RosEwroDevelopment, Gesamtfläche: 27.000 qm), das direkt im Stadtzentrum entstanden ist und demnächst übergeben wird, entspannt sich die Situation etwas. Das für 35 Mio. US$ errichtete Hochhaus soll bereits zur Hälfte vermietet sein - bei Quadratmeterpreisen von mindestens 450 US$ pro Jahr.

Das Unternehmen ST Group Region stellt bis Ende 2007 ebenfalls in der City für 27 Mio. US$ eine weitere Büroimmobilie der A-Klasse fertig (30.000 qm). Im Bau befinden sich außerdem die Businesszentren Greenwich (34.000 qm plus 350 Parkplätze), Kobra (22.000 qm) und Kronos (50.000 qm). Der wirtschaftliche Aufschwung in der Region wird aber die Nachfrage nach weiteren Objekten steigen lassen, schätzen Analysten.

Auch im Wohnungsbau hat die Stadt Nowosibirsk große Pläne. Erstmals sollen 2007 bis zu einer Million Quadratmeter Wohnraum fertig gestellt werden. Das wäre eine Verdoppelung des Bauvolumens gegenüber 2005 und ein deutlicher Anstieg im Vergleich zu 2006 (844.000 qm). Der Zuwachs gelingt hauptsächlich durch die Errichtung von Hochhäusern in Massenbauweise in kommunalem Auftrag. Nur ein Viertel aller neuen Wohnungen wurden 2006 von Privatinvestoren gebaut. Marktbeobachter zweifeln an der Realisierbarkeit der Neubaupläne. Die zu langsame Erschließung von Baugrundstücken und Versorgungsengpässe bei Baumaterialien bremsten den Wohnungsbau in der Region Nowosibirsk, erklären Branchenvertreter. Besonders bei Ziegeln und Zement herrschte 2006 ein Defizit.

Nowosibirsk wird daher zunehmend interessant für Hersteller von Baustoffen und Baumaterialien. Der deutsche Hersteller von Fensterprofilen, Veka, produziert bereits seit 2004 vor Ort. Bis 2009 will das Nowosibirsker Bauunternehmen Perwy stroitelny fond für 35 Mio. Euro eine Ziegelfabrik in der Stadt errichten, um so seine eigenen Engpässe beim Einkauf von Klinkern, Dachziegeln und Gehwegplatten zu beheben. In dem Werk sollen laut russischen Pressemeldungen Produktionsanlagen des deutschen Herstellers Keller HCW zum Einsatz kommen.

Das russische Sodaunternehmen RSK und der Baustoffhersteller RATM bauen ab diesem Jahr für 125 Mio. US$ eine Floatglas-Fabrik bei Nowosibirsk. Marktforscher schätzen den Glasbedarf der Bauwirtschaft in Sibirien und im Fernen Osten auf 40 Mio. qm pro Jahr. Bislang wird die Nachfrage vor allem durch Importe aus Europa und der VR China gedeckt.

 

RATM plant außerdem ein neues Zementwerk mit einer Jahresleistung von 1,3 Mio. t in der Region, da die Kapazitäten der Tochterfirma Iskitimzement mit der Nachfrage längst nicht mehr Schritt halten können. Drei Viertel der Ausrüstungen werden im Ausland eingekauft, zum Großteil bei deutschen Maschinenbauern. Iskitimzement ist der einzige Zementhersteller in der Oblast.

 

Gute Perspektiven bieten die Sanierung und die Verwaltung des Wohnraumbestandes in der Region. Der Nowosibirsker Bürgermeister Wladimir Gorodetzki unterstrich beim Besuch des Deutschen Botschafters Mitte März, dass deutsche Unternehmen hier über besonders reiche Erfahrungen aus den neuen Bundesländern verfügen. Dieses Know-how sei bei der Modernisierung der Wohnhäuser in Nowosibirsk gefragt.

Das Berliner Dienstleistungsunternehmen Dussmann verwaltet im Auftrag der Kommune in Nowosibirsk bereits 16 Wohnhochhäuser. Der Vertrag umfasst unter anderem die Hofreinigung, Müllentsorgung, Desinfektion und Schneebeseitigung. Das Unternehmen hat sich verpflichtet, die Kosten für die Wohnungsverwaltung zu senken.

Nowosibirsk rückt 2007 besonders ins Rampenlicht, wenn es sich beim "Jahr Sibiriens in Deutschland" präsentieren kann. Die Veranstaltungen bieten Gelegenheit, die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen zwischen Sibirien und Deutschland zu stärken. (S.Z.)

 
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