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Navigationssysteme in Russland vor dem Durchbruch | Drucken |

Navigationssysteme in Russland vor dem Durchbruch. Beschränkungen für Hersteller von Kartenmaterial sollen aufgehoben werden / Autoherstellern winkt ein Milliardenmarkt.

Moskau (bfai) - Herstellern von Navigationsgeräten und Kartenmaterial winken in Russland neue Geschäftschancen. Nach Presseberichten will das Verteidigungsministerium Sicherheitsbeschränkungen aufheben und die zivile Nutzung des russischen Satelliten-Navigationssystems Glonass erlauben. Bislang dürfen Objekte nur mit einer Genauigkeit von mehr als 30 Metern abgebildet werden. Experten schätzen, dass sich der Markt für Navigationssysteme und Kartografie innerhalb von drei Jahren mehr als verzehnfachen könnte.  Der russische Generalstab will zum 1.1.07 alle Begrenzungen aufheben, die für die Anbieter von Kartenmaterial und Navigationsgeräten gelten. Das seit Sowjetzeiten gültige "Gesetz über das Staatsgeheimnis" verlangt bislang die Geheimhaltung von Details wie Straßenbreite oder Belag. Strategische Objekte wie Brücken, Häfen oder Flughäfen wurden auf Karten mit einer Ungenauigkeit von mehreren Kilometern verzeichnet, so ein Bericht der Wirtschaftszeitung "RBC Daily". Anbieter von GPS-Navigatoren mussten ihre Daten für Russland weniger exakt darstellen als technisch möglich wäre. Eine komplette Erfassung von Grundstücken, Straßen und Gebäuden war nicht erlaubt. Das hat den Absatz der Geräte im Land deutlich ausgebremst.
Nun hat sich Russlands Militär durchgerungen, die künstlichen Schranken aufzuheben. Lediglich einige Militär-, Transport- oder Forschungsobjekte sollen geheim bleiben und dank spezieller Störgeneratoren durch die GPS-Geräte nicht erfasst werden können.
Bis Ende 2007 wird dann auch das russische Satelliten-Navigationssystem Glonass (Globalnaja Navigazionnaja Sputnikowaja Sistema) für zivile Nutzer zugänglich gemacht. Glonass ähnelt in Aufbau und Funktionsweise dem US-amerikanischen Global Positioning System (GPS). Aktuell verfügt Russlands System über 14 Satelliten im All. Ende 2007 werden 18 Satelliten dafür sorgen, dass das Land komplett erfasst wird. Ab 2009 sollen 24 Sputniks den gesamten Globus abdecken. Damit entwickelt sich das System zum ernsten Konkurrenten für GPS. Glonass wird neben militärischen Zwecken bereits heute für die zivile Luft- und Schifffahrt sowie für die Kontrolle von radioaktiven und chemischen Substanzen in der Luft genutzt.
Steht Glonass auch der Privatwirtschaft zur Verfügung, könnte es Anbietern von Navigationssystemen und Karten neue Absatzrekorde in Russland bescheren. Nach Angaben der Mobile Research Group (MRG) liegen die Umsätze mit GPS-Navigatoren in Russland 2006 voraussichtlich nur bei 6 Mio. US$. Zum Vergleich: Allein Marktführer TomTom will in diesem Jahr weltweit rund 1,3 Mrd. Euro mit solchen Geräten umsetzen. Doch die Aufhebung der Beschränkungen wird das Verkaufsvolumen in Russland deutlich beschleunigen, so MRG-Analysten. Schon 2007 werde sich der Umsatz auf 15 Mio. US$ mehr als verdoppeln. Für 2008 rechnet das Unternehmen mit einer Marke von 50 Mio. US$.
Navigationssysteme für Pkw sind bereits heute in Russlands erhältlich. BMW bietet als erster westlicher Fahrzeugbauer Autos mit der entsprechenden Technik an. Aufpreis: 3.800 Euro. Allerdings deckt das Kartenmaterial nur die Region Moskau und die Transitstrecke nach Polen ab, perspektivisch auch das Gebiet um St. Petersburg. Andere deutsche Automobilkonzerne bereiten die Markteinführung vor, berichtet die russische Fachpresse.
Die Siemens-Tochter VDO Automotive verkauft seit Herbst 2006 stationäre und portable GPS-Navigatoren in Russland (Stückpreis: ab 780 US$). Allerdings umfassen auch diese Geräte nur Karten für Moskau und St. Petersburg sowie die Strecke Moskau-St. Petersburg und weiter nach Finnland. Bis Ende dieses Jahres will Siemens bis zu 2.000 solcher Navigationssysteme in Russland verkaufen. Für 2007 rechnet der deutsche Konzern mit 10.000 verkauften Einheiten, so die Zeitung "Gudok".
Wichtiger Lieferant für die elektronischen Kartendaten in Russland ist schon jetzt das niederländische Unternehmen TeleAtlas. Die Firma hat im Frühjahr 2006 mit der Föderalen Agentur für Geodäsie und Kartografie vereinbart, gemeinsam Navigationskarten für Russland zu entwickeln. TeleAtlas will das so gewonnene Kartenmaterial in seine bestehenden Datenbanken integrieren und unter anderem an Automobilhersteller verkaufen. Exklusiver Partner in Russland ist das Unternehmen Nawigazionnye Karty (NavMaps). Neben TeleAtlas ist Wettbewerber Navteq in Russland aktiv.
Auch der deutsche Anbieter von Kfz-Navigationssystemen, Blaupunkt, setzt bei seinem Russland-Engagement auf die Karten von TeleAtlas. Das Unternehmen hat im November in Moskau sein mobiles Navigationssystem TravelPilot Lucca MP3 vorgestellt.
Russische Hersteller hoffen, vom bevorstehenden Boom ebenfalls zu profitieren. Nach Schätzungen des Industrieministeriums produziert die einheimische Wirtschaft pro Jahr Navigationsgeräte für rund 50 Mio. US$, allerdings hauptsächlich für die Weltraumforschung, Luftfahrt oder Rüstungszwecke, nicht für Endverbraucher. Einer der wichtigsten Branchenvertreter ist der Gerätebauer Elara in Tscheboksary. Das Unternehmen will künftig auch für Privatnutzer Navigationshilfen entwickeln. Ein weiterer Hersteller ist die Kasaner Radiopribor.
Insgesamt wird der russische Markt für kartografisches Material und Navigationssysteme auf 550 Mio. US$ taxiert - inklusive aller Printprodukte. Die GIS-Assoziazija - ein Verband, der seit Jahren die Liberalisierung des Kartografie-Sektors fordert - rechnet schon für 2007 mit Zuwachsraten von 200% und prognostiziert eine Marktgröße 1,5 Mrd. US$.
 
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