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Inflation steigt in Russland wesentlich stärker als erwartetRegierung will Inflationstempo drosseln / Experten warnen vor überbordenden Preisen im Lebensmittelsektor / Von Bernd HonesMoskau (bfai) - Die Inflationsrate ist 2007 in Russland auf 11,9% gestiegen. Das waren 4 Prozentpunkte mehr als das Wirtschaftsministerium zu Jahresbeginn prognostiziert hatte. Mit einem ganzen Maßnahmenbündel hat ihr die Regierung den Kampf angesagt. Jedoch sieht alles danach aus, als ob die Preise auch 2008 im zweistelligen Bereich wachsen werden. Schuld daran sind das ungebremste Wachstum der Geldmenge, die starke Nachfrage im Lebensmittelsektor sowie Tariferhöhungen im Bereich natürlicher Monopole. (Kontaktanschrift) Die russische Wirtschaft wächst mit ungebremstem Tempo: Das Bruttoinlandsprodukt hat 2007 nach neuesten Prognosen real um 7,6% zugelegt, das Pro-Kopf-Einkommen ist von November 2006 bis November 2007 um nominal 28% gestiegen (real 14,8%). Das wiederum stärkt die Kaufkraft und schürt die Nachfrage nach Konsumgütern. Zudem spülen Exportzuwächse (+12,7% von Januar bis Oktober 2007 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum) Milliardenbeträge in die russische Staatskasse. Nicht zuletzt sind die ausländischen Direktinvestitionen 2007 auf ein Rekordhoch von 49 Mrd. US$ geklettert. Die Zentralbank der russischen Föderation bezifferte den Nettokapitalzufluss für 2007 auf 82,3 Mrd. US$. Das Geldmengenwachstum (Aggregat M2), eine Kennzahl für die Geldmenge, betrug von Januar bis Ende November 2007 mehr als 35%. So sehr die russische Industrie davon profitiert- das Geldmengenwachstum bringt die Preisstabilität in Gefahr. Bereits im Frühjahr 2007 hatten viele Finanzexperten das zusätzliche Kapital als Grund für die Teuerungsraten bei Nahrungsmitteln, Konsumgütern und Dienstleistungen bezeichnet. Finanzminister Kudrin teilt auch heute noch diese Auffassung. Agwan Mikaeljan, Generaldirektor der Consulting-Gruppe FinExpertisa, hingegen macht im Interview mit RBK daily jene Kapitalzuflüsse, die ineffektiv genutzt würden, für die Inflation verantwortlich. Im Zentr Raswitija, einer unabhängigen Forschungsinstitution für Makroökonomie, glauben die Analysten an keine der beiden Thesen: Schuld an der Misere sei nicht der immense Kapitalzufluss, sondern insbesondere der Anstieg der Preise für Lebensmittel. Augenblicklich sieht es nicht danach aus, als sei das Inflationstempo 2008 entscheidend zu drosseln. Zwar weicht das russische Wirtschaftsministerium nicht von seiner Inflationsprognose von 7,5 bis 8,5% für 2008 ab. Forschungsinstitute und Banken halten dieses Ziel jedoch für unerreichbar. Während die russischen Banken einen Anstieg der Verbraucherpreise um 9,1 bis 10,4% prognostizieren, gehen die Volkswirte im Entwicklungszentrum von 11,5 bis 12% aus. Es gibt zwei gute Gründe, weshalb die Annahmen des Wirtschaftsministeriums zu gering sein dürften: Zum einen bleibt das Geldangebot voraussichtlich auf einem äußerst hohen Niveau - insbesondere wegen der zusätzlichen Investitionen in die industrielle Entwicklung. Zum anderen dürften auch die Lebensmittelpreise weiter steigen. Ein Beispiel: Der Scheffel Weizen kostete in Russland Ende 2007 knapp 8,90 US$, zwei Wochen später waren es bereits 9,10 US$. Die Experten im Zentr Raswitija halten es für wahrscheinlich, dass die Preise für Getreide, Fleisch und Dienstleistungen 2008 um 17 bis 18% steigen werden. Bereits 2007 unterlagen Lebensmittel (+15,6%) den höchsten Teuerungsraten im russischen Durchschnittswarenkorb. Danach folgten Dienstleistungen, die sich im Schnitt um 13,3% verteuerten. Konsumgüter kosteten Ende 2007 um 6,5% mehr als noch ein Jahr zuvor. Teuerungsraten in Russland im Gesamtjahr 2007
Quelle: Föderaler Statistikdienst Russlands Um die Folgen des Geldmengenwachstums auf die Preisentwicklung abzufedern, hat die russische Regierung einen Stabilitätsfonds geschaffen. Der Fonds speist sich aus überschüssigen Öleinnahmen und soll Preisstabilität garantieren. Nur zu Zeiten fallender Erdölpreise oder für spezielle Infrastrukturprojekte wird Geld entnommen. Bereits 2007 wurde eine Reihe zusätzlicher Maßnahmen eingeleitet, um der Inflation entgegen zu wirken: Die russische Regierung vereinbarte mit großen Nahrungsmittelherstellern, die Preise einzufrieren. Direkt bei den Gouverneuren der russischen Gebiete und Republiken sollen Arbeitsstäbe zur Kontrolle der Inflation eingerichtet werden. Desweiteren versucht der Staat über die Subvention von Landwirten und über Zölle, das Angebot von Nahrungsmitteln im Inland zu vergrößern. So sollen Bauern verbesserte Kreditbedingungen erhalten, wenn sie Saatgut einkaufen. Die Kosten dieser Maßnahme werden auf rund 1 Mrd. Rbl (28 Mio. Euro; offizieller Kurs Ende November 2007: 1 Euro = 36,04 Rbl) geschätzt. Gleichzeitig jedoch stehen Tariferhöhungen an in Wirtschaftszweigen mit natürlichen Monopolen. So sind in vielen Regionen Russlands - einschließlich der Hauptstadt Moskau - die Preise für den öffentlichen Personennahverkehr gestiegen. Auch die Preise für Wasser, Gas, Öl und Telekommunikation dürften im Laufe des Jahres 2008 anziehen. Das könnte den Inflationsdruck weiter verstärken und den staatlichen Maßnahmen zuwider laufen.
Quelle: Föderaler Statistikdienst Russlands, *) Veränderung Dezember 2006 bis November 2007 in % KontaktanschriftZentr Raswitija ul. Pokrowka d. 6, str. 1-2, 101000 Moskau / Russische Föderation Tel./Fax: 007495/62 41 377 E-Mail: info@dcenter.ru, Internet: www.dcenter.ru (H.B.) |
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