| EU will alternativen Energien in Russland auf die Beine helfen | | Drucken | |
Drei Pilotregionen für Sonderprojekt ausgewählt / Gesetzgebung kommt nicht in Gang / Von Gerit SchulzeMoskau (bfai) - Die Europäische Union will Russland helfen, den Anteil erneuerbarer Energiequellen an der Strom- und Wärmeerzeugung auszubauen. Dafür wurde Mitte November 2007 ein Beratungsprojekt gestartet. In drei Pilotregionen helfen EU-Experten bei der Ausarbeitung von Machbarkeitsstudien und Gesetzesgrundlagen für den Einsatz von Sonne, Wind und Erdwärme. Niedrige Energiepreise, fehlende Einspeisevergütungen und Netzzugänge verhindern bislang einen Durchbruch für alternative Energiequellen in Russland. Fossile Brennstoffe im Überfluss, eine zentrale Energieversorgung und eine mangelnde politische Unterstützung machen einen breiten Einsatz von alternativen Energiequellen in Russland heute unmöglich. Ihr Anteil in der Energiebilanz des riesigen Landes beträgt gerade einmal 1%, bei der Stromerzeugung sogar nur 0,5% (ohne Berücksichtigung der großen Wasserkraftwerke).Noch immer setzt die Regierung in der Energiepolitik auf Großprojekte auf Basis von Gas, Kohle und Öl sowie Kernkraft, um die Versorgung im Land sicherzustellen. Zwar gibt es einige Pilotvorhaben für Wind- oder Solarstrom, die aber meist von Enthusiasten initiiert sind und selten über den experimentellen Status hinauskommen. EU-Vertreter in Moskau verhehlen daher nicht, dass sie dicke Bretter bohren müssen, wenn sie auf diesem Gebiet in Russland etwas verändern wollen. Immerhin sitzt bei dem nun angeschobenen EU-Projekt das russische Ministerium für Industrie und Energie (Minpromenergo) als Partner mit im Boot. Die Regierung hat als Ziel ausgegeben, bis 2010 neue Stromkapazitäten von 1.000 MW sowie 1.200 MW Wärmeenergie aus erneuerbaren Energiequellen im Land zu installieren. Rund 2 Mio. Euro lässt sich die EU das auf zwei Jahre angelegte Projekt kosten, an dem die Unternehmen ICF International (Großbritannien), Cowi A/S (Dänemark) und das russische Institut für Energieeffizienz IGPEE beteiligt sind. In drei ausgewählten Regionen - Astrachan, Nishnij Nowgorod und dem Gebiet Krasnodar - sollen Machbarkeitsstudien, Aktions- und Finanzierungspläne entworfen werden, die dem Aufbau von Windrädern, Solaranlagen oder Geothermiekraftwerken den Weg bereiten. Auf föderaler Ebene will die EU Moskau bei der Ausarbeitung eines Gesetzes über erneuerbare Energien helfen. Wie eine Nachfrage der bfai in der Staatsduma ergeben hat, liegt das geplante Gesetz über erneuerbare Energiequellen derzeit allerdings auf Eis und es erscheint zweifelhaft, ob es jemals zustande kommt. Ein Vertreter des Komitees für Energie, Transport und Telekommunikation sagte, es werde wahrscheinlich nur eine Neufassung des Gesetzes über die Energieeinsparung geben, die dann auch alternative Energieerzeugung berücksichtige. Auf die Tagesordnung werde dieses Thema aber frühestens im Frühjahr 2008 rücken, wenn sich das Parlament nach den Wahlen neu konstituiert hat. Dessen ungeachtet engagieren sich einige russische Regionen schon heute für den Einsatz alternativer Energien. Dazu gehört besonders der Krasnodarskij Kraj. Ob Windräder, kleine Wasserkraftwerke, Solarpaneele oder Biomassenutzung - Russlands südlichste Region bietet für die meisten Alternativenergien gute Voraussetzungen. "Wir würden gern mehr machen, zum Beispiel Betreibern von Anlagen überdurchschnittliche Einspeisetarife zahlen. Doch der föderale Gesetzesrahmen verhindert dies leider", erklärt Bogdan Bogdanow vom Zentrum für Energieeinsparung und Neue Technologien bei der Gebietsverwaltung in Krasnodar. Die Region hat bereits ein eigenes Gesetz über erneuerbare Energien verabschiedet und ein Zielprogramm für mehr Energieeffizienz bis zum Jahr 2010 entworfen. Bei der Geothermie oder der Nutzung von Sonnenkollektoren ist Russlands Süden führend. Auch für die Windenergie hat der Krasnodarskij Kraj bereits fünf Standorte an der Küste auserkoren, wo der Wind in 50 bis 70 Metern Höhe mit mehr als 8 Metern pro Sekunde bläst.
Quelle: Zentrum für Energieeinsparung und Neue Technologien, Krasnodar Während auch das Gebiet Astrachan mit 300 Sonnentagen pro Jahr und der Lage am Kaspischen Meer eher für Sonnen- und Windenergie geeignet scheint, will die dritte Pilotregion des neuen EU-Programms, Nishnij Nowgorod, bevorzugt Projekte im Bereich Biomasse (Nutzung von Holzabfällen) anschieben. Patrick Willems, der Projektleiter auf Seiten der EU, verweist darauf, dass im Bereich Erneuerbare Energien Russland bereits großes Know-how entwickelt hat. Das gilt vor allem für die Windenergie und zum Teil für die Solarenergie. "Es wäre ein Fehler, dieses Wissen nicht zu nutzen", so Willems. Er hofft, dass sich durch die erfolgreiche Implementierung von Projekten in den drei ausgewählten Regionen ein Schneeballeffekt entwickelt und andere russische Gebietsverwaltungen ebenfalls auf erneuerbare Energien setzen. Das Interesse bei Kommunen und Unternehmen ist vorhanden. So will der Stromerzeuger TGK-8, der vor allem in den südlichen Regionen Astrachan, Rostow-am-Don und Stawropol dominiert, in Sonnenpaneele, kleine Wasserkraftwerke und in die Geothermie investieren, wie das Unternehmen im Sommer 2007 bekannt gab. In Moskau installiert die Stadtverwaltung neuerdings Photovoltaik-Anlagen auf Wohnhäusern, über die Strom für die Hausflure erzeugt wird. Die Kosten von umgerechnet rund 6.000 Euro je Haus sollen sich innerhalb von drei bis vier Jahren amortisiert haben. In Kaliningrad ist ein Versuch zur Warmwassererzeugung über Sonnenkollektoren auf Wohnhäusern angelaufen. In der westlichsten Region steht auch die mit 5,1 MW Leistung größte russische Windkraftanlage (Kulikowskaja), für die die dänische Vestas zwischen 1998 und 2002 die Maschinen geliefert hatte. Trotz seiner reichen Vorkommen an fossilen Brennstoffen bietet Russland eigentlich beste Voraussetzungen für alternative Energienutzung. So leben im Land rund 25 Millionen Einwohner ohne Anschluss an die zentrale Stromversorgung. Zehn Millionen Menschen versorgen sich über Diesel- oder Benzinaggregate mit Strom. Bei Anhörungen über erneuerbare Energien in der Duma wurden die entlegenen Gebiete des Hohen Nordens daher explizit als potenzielles Einsatzgebiet für Windräder oder Biomasseanlagen genannt. Laut Experten müssen jährlich mit großem Kostenaufwand 7 Mio. Tonnen Ölprodukte und 23 Mio. Tonnen Kohle in die nördlichen Polargebiete transportiert werden, um dort die Energieversorgung aufrecht zu erhalten. Hier würde sich der Einsatz kleiner, dezentraler Anlagen besonders lohnen.
Quelle: Institut für Probleme der natürlichen Monopole, zitiert nach Industriezeitung "Promyschlennyj eshenedelnik", vom 25.6.07 |
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