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Branche kompakt - Chemische Industrie - Russland 2007 | Drucken |

Einführung

Moskau (bfai) - Russlands Chemieindustrie zählt mit zu den wichtigsten Industriezweigen und Exportbranchen des Landes. Die auf Hochtouren laufende Konjunktur hat die Binnennachfrage so stark steigen lassen, dass Russland inzwischen zu einem Nettoimporteur von Chemieprodukten geworden ist. Davon profitieren ausländische, auch deutsche Branchenunternehmen. Mit Qualitätserzeugnissen und einer breiteren Angebotsvielfalt werden sie auch zukünftig gute Marktchancen haben. Dies gilt auch für Anlagenbauer.

Marktentwicklung/-bedarf

Das seit 1999 anhaltende starke und robuste Wachstum der russischen Wirtschaft hat die Nachfrage nach chemischen Erzeugnissen angeheizt. Davon profitieren sowohl die heimische Chemieindustrie als auch die ausländischen Anbieter. Im Zeitraum von 1999 bis 2006 haben sich die russischen Einfuhren von Chemieprodukten (HS-Kapitel 28 bis 40) von 4,4 Mrd. US$ auf 20,8 Mrd. US$ fast verfünffacht.

Überdurchschnittliche Zuwächse zeigt der russische Pharmamarkt. 2006 legte dieser nach Angaben der Marktforschungsfirma DSM Group von rund 9 Mrd. auf 12,3 Mrd. US$ (Einzelhandelspreise) zu. Bis 2010 werden mehr als 20 Mrd. US$ prognostiziert. Zwei Drittel des Marktes (Erzeugerpreise) werden derzeit von importierten Arzneimitteln abgedeckt. Deutschland ist das mit Abstand wichtigste Lieferland.

Angetrieben durch die wachsenden Einkommen und den Konsumboom zeigt auch der russische Kosmetikmarkt eine ähnlich starke Dynamik. Die Umsätze steigen zweistellig. Im Jahr 2006 erreichten sie einen Wert von 7,7 Mrd. US$ (2005: 7,1 Mrd. US$). Das starke Wachstum wird nach Einschätzung von Fachleuten bis mindestens 2010 anhalten.

Zweistellige Zuwachsraten zeigt auch die Nachfrage nach diversen Kunststoffen und Kunststoffprodukten. Wichtige Impulse kommen dabei unter anderem aus der Verpackungs- beziehungsweise Getränkebranche sowie der Haushaltsgeräteindustrie. Die Absatzaussichten in anderen Wirtschaftszweigen, wie zum Beispiel in der Automobilindustrie, werden für die nächste Zukunft ebenfalls optimistisch beurteilt. Für den weiteren Aufschwung werden dabei insbesondere die stark ansteigenden ausländischen Direktinvestitionen in Russland sorgen.

Der Markt für Farben und Lacke wird auf etwa 4 Mrd. US$ veranschlagt. Schätzungen des Informationsdienstes "Chim-Kurier" zufolge lag der Verbrauch (Menge) im Jahr 2006 bei mehr als 1,1 Mio. t. Importe hatten dabei einen Mengenanteil von 21%. Angesichts des Baubooms und der neuen Projekte in der Kfz-Industrie (Toyota, VW, Vorhaben für Lizenzmontage etc.) gelten die Wachstumsaussichten weiterhin als sehr gut.

Deutsche Unternehmen sind auf dem russischen Chemiemarkt sowohl mit Rohstoffen und verarbeiteten Erzeugnissen als auch als Anlagenbauer sehr gut vertreten. Ihre Auslieferungen nach Russland nahmen stärker als die gesamten Chemieimporte zu - von 760 Mio. US$ im Jahr 2000 auf 3,5 Mrd. US$ 2006 (HS-Kapitel 28 bis 40). Die wichtigsten deutschen Ausfuhrgüter sind Arzneimittel (HS-Kapitel 30; 2006: 1,1 Mrd. US$) sowie Kunststoffe und Waren daraus (HS-Kapitel 39; 864 Mio. US$). Im Rohstoffbereich und bei verarbeiteten Chemieerzeugnissen (beispielsweise Kunststofffolien oder -platten) werden die Importe durch die lokale Produktion nach und nach verdrängt.

In zahlreichen Segmenten, etwa bei Vorprodukten der Kunststoffindustrie, arbeiten die lokalen Unternehmen nach eigenen Angaben bei fast voller Kapazitätsauslastung. Es müssten große Erweiterungs- und vor allem Modernisierungsinvestitionen durchgeführt werden. Der Bedarf an Technologie, Anlagen und Ausrüstungen wird zum größten Teil im Ausland gedeckt. Deutsche Hersteller sind gefragte Partner und verfügen über eine gute Marktposition.

Ausgewählte Investitionsprojekte in der russischen Chemieindustrie
Vorhaben Wert Projektstand Durchführungs-Gesellschaft Anmerkung
Petrochemiekomplex Nishnekamsk (Republik Tatarstan) 3,2 Mrd. US$ Ausschreibung, Masterplan erstellt durch Forster Wheeler France ZAO Nishnekamskij Neftepererabotajutschij Zawod/Tatneft Finanzierung z.T. aus dem Investitionsfonds d. russ. Regierung /Lizenzgeber ausgewählt
Erschließung einer Kalimine und Bau eines Düngemittelwerkes im Gebiet Wolgograd 1 Mrd. US$ Baubeginn für 2007 vorgesehen Holding Evrochim Inbetriebnahme 2010 geplant
Bau einer Apatit- und Nephelinmine und eines Aufbereitungswerkes k.A. Baubeginn 2009 SZFK (Tochter der Holding Akron) Inbetriebnahme 2013 geplant
Bau neuer und Modernisierung älterer Erdölraffinerien Etwa 15 Mrd. bis 20 Mrd. US$ Einige Vorhaben bereits auf dem Weg, z.B. Raffinerie in Tuapse und an der Pazifikküste (Rosneft) u.a. Rosneft, Lukoil Bestehende Anlagen hochgradig verschlissen, Modernisierungsbedarf durch die Einführung von Euro-4-Normen für Kraftstoffe ab 2010
Bau einer Polypropylenanlage (500.000 t/Jahr)in Tobolsk (Tobolsk-Polymer) k.A. Rahmenvereinbarung für ein Joint Venture Holding Sibur, OAO Novatek Endgültige Entscheidung über das Projekt 2007 erwartet

Produktion/Branchenstruktur

Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums nahm die Produktion der chemischen Industrie in Russland 2006 um 1,3% (2005: +2,6%, 2004: +6,6%) gegenüber dem Vorjahr zu. Die Kunststoff- und Gummiindustrie legte 2006 mit einem Plus von 11,7% (2005: +5,5%; 2004: +13,5%) deutlich stärker zu. Für die nächsten Jahre wird aufgrund der guten Binnenkonjunktur mit weiteren erheblichen Steigerungen gerechnet.

Die bedeutendste Sparte der russischen Chemie ist die Mineraldüngerindustrie. Größeres Gewicht haben auch die Reifen-, Kautschuk- und Kunststoffherstellung. Nach oben zeigt die Entwicklung in der Haushaltschemie/Kosmetikbranche, der Farben- und Lackeproduktion. In diesen, aber auch in anderen Segmenten, sind zahlreiche strategische Kooperationen, Beteiligungen und direkte Investitionen ausländischer Unternehmen zu verzeichnen.

Auswahl führender Chemieunternehmen in Russland (Umsatz in Mrd. Rbl)
Unternehmen/Holding Produktionsschwerpunkt Umsatz 2004 Umsatz 2005 Internetadresse
Holding Sibur (Mehrheitsaktionär: RAO Gazprom) Chemie- und Erdölchemie 85,1 101,0 http://www.sibur.ru
Salawatnefteorgsinez Erdölchemie 33,7 64,0 http://www.snos.ru
MChK Evrochim Mineraldünger 34,6 53,5 http://www.eurochim.ru
Nishnekamskneftechim Erdölchemie, Kautschuk 33,9 48,1 http://www.nknh.ru
Akron Mineraldünger 17.708 23,5 http://www.acron.ru
Uralkalij Mineraldünger 11,8 20,8 http://www.uralkali.com
Baschkirskaja Chimia Chemie und Petrochemie k.A. 20,0 http://www.bkh.ru
Apatit Mineraldünger k.A. 19,8 apatit.phosagro.biz, http://www.phosagro.ru
Gruppe Amtel-Vredestein Reifen 13.850 19,0 http://www.amtel-vredestein.ru
Silvinit Mineraldünger 10,3 16,5 http://www.silvinit.ru
Nishnekamskschina Reifen 12,4 14,9 http://www.shina-kama.ru
Kasanorgsintez u.a. Ethylen, Polyethylen 11,9 13,4 http://www.kazanorgsintez.ru
Togliattiazot Mineraldünger 11,9 14,6 http://www.toaz.ru
Ufaneftechim Petrochemie 10,7 14,2 k.A.
Kujbyschewazot Caprolactam, Mineraldünger 10,1 13,6 http://www.kuazot.ru
Ammophos (Holding Phosaro) Mineraldünger 7,8 13,0 http://www.ammophos.ru, http://www.phosagro.ru
Procter&Gamble Nowomoskowsk Haushalts-Chemikalien 8,0 10,8 http://www.procterandgamble.ru

Quelle: Ratingagentur RA Expert, Angaben der Unternehmen, eigene Recherchen

Außenhandel

Von der gestiegenen Nachfrage nach chemischen Erzeugnissen haben auch ausländische Anbieter profitiert. Allein 2006 nahmen die Einfuhren (HS-Kapitel 28 bis 40) um circa 5 Mrd. US$ oder fast ein Drittel gegenüber dem Vorjahr zu. Der größte Teil der Auslandsbezüge entfiel dabei auf Arzneimittel sowie Kunststoffe und Waren daraus. Die russischen Exporte haben sich zwischen 2000 und 2006 von 6,8 Mrd. US$ auf 13,6 Mrd. US$ mehr als verdoppelt.

Einfuhr ausgewählter Chemieerzeugnisse nach Russland (in Mio. US$)
HS-Kap. Warenbezeichnung 2005 2006 davon aus Deutschland (2006)
28 Anorganische chemische Erzeugnisse etc. 1.964,9 2.352,3 77,9
29 Organische chemische Erzeugnisse 740,6 870,1 142,0
30 Pharmazeutische Erzeugnisse 4.310,0 6.182,5 1.179
31 Düngemittel 14,3 18,8 0,9
32 Gerb- u. Farbstoffauszüge; Tannine; Farbstoffe; Anstrichfarben u. Lacke etc. 931,6 1.243,5 264,2
33 Etherische Öle und Resinoide; Riech-, Körperpflege- od. Schönheitsmittel 1.415,5 1,758,0 292,8
34 Seifen; Waschmittel, Schmiermittel, künstliche Wachse etc. 511,1 661,5 159,3
35 Eiweißstoffe; Klebstoffe etc. 229,5 257,7 55,9
38 Verschiedene Erzeugnisse der chemischen Industrie 1.018,9 1.142,8 231,1
39 Kunststoffe u. Waren daraus 3.521,1 4.855,1 864,3
40 Kautschuk u. Waren daraus 953,7 1.277,3 211,8
Summe *)   14.196 17.719 3.479

*) HS-Kapitel 28 bis 40, ohne 36 und 37

Quelle: Föderaler Zolldienst der Russischen Föderation

Geschäftspraxis

Eine Reihe von chemischen Produkten (auch Importerzeugnisse) ist nach dem nationalen Normensystem GOST-R zertifizierungspflichtig. Für die Zertifizierung vor Ort stehen Prüf- und Testlabors zur Verfügung, die für die entsprechenden Warengruppen beim Normeninstitut Föderale Agentur für technische Regulierung und Metrologie akkreditiert sind.

Nach dem neuen Gesetz über die technische Regulierung sollen GOST-R-Normen in Zukunft durch sogenannte technische Reglements ersetzt werden. In der Entwurfphase befinden sich derzeit etwa zehn technische Reglements für chemische Erzeugnisse. Deren Verabschiedung ist jedoch sehr kompliziert und langwierig. Die Annahme der neuen Standards in der chemischen Industrie wird daher frühestens zu Jahresbeginn 2008 erwartet. Bei der Einstufung und Kennzeichnung von Chemikalien orientiert sich Russland am UN-System GHS (Globally Harmonized System of Classification and Labelling of Chemicals).

Wichtige Internetseiten: http://www.gost.ru (Föderale Agentur für technische Regulierung und Metrologie). Datenbanken zum Normensystem GOST-R: http://www.gost.ru/wps/portal/pages.CatalogOfStandarts und http://www.vniiki.ru.


 
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