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Mega-Investitionen in Russlands Stromsektor | Drucken |

Investitionsprogramm sieht 90 Mrd. Euro bis 2010 vor / Fast 41 GW an neuen Kapazitäten / Von Waldemar Lichter

Moskau (bfai) - Die russische Stromwirtschaft wird in den nächsten vier Jahren ein gigantisches Investitionsprogramm auf den Weg bringen. Umgerechnet 90 Mrd. Euro sollen bis 2010 eingesetzt werden, um die drohende Energiekrise abzuwenden. Mehr als die Hälfte des Geldes wird für neue Kapazitäten eingesetzt. Chef der Stromholding RAO EES, Anatolij Tschubais, ist sich über das Gelingen des Megaprogramms sicher: Die Nachfrage nimmt rasant zu, die Kunden zahlen, und die jüngsten Reformen erleichtern es dem Sektor, das benötigte Kapital zu beschaffen.

Alle bisherigen Programme und Verbrauchsprognosen sind inzwischen Makulatur. Der Stromverbrauch in Russland wächst deutlich schneller als erwartet. 2006 nahm dieser um 4,2% auf 984 Mrd. kWh zu. In den Jahren 2000 bis 2005 waren es noch nur 1,7% pro Jahr gewesen. Für den Zeitraum bis 2010 rechnet die russische Regierung damit, dass der Stromkonsum im Schnitt um 5% pro Jahr zulegen wird. 2007 oder spätestens 2008 wird der Verbrauch den höchsten Wert in der Geschichte Russlands erreichen - mehr als die 1.074 Mrd. kWh von 1990.

Mit der hohen Nachfrage, vor allem aber mit der rasanten Dynamik wird die russische Stromwirtschaft jedoch nicht mehr fertig. Mit den vorhandenen Kapazitäten kann das Verbrauchswachstum nicht mehr befriedigt werden, durch Effizienzsteigerung ist nicht mehr viel rauszuholen. Es müssen neue Kraftwerke und Blöcke her - und das schnell und in einer gewaltigen Größenordnung, sagt RAO EES-Chef Tschubais.

Statt 23,4 GW, wie noch vor kurzem geplant, sollen nun einem revidierten und Mitte Februar 2007 beschlossenen Plan bis 2010 zufolge 40,9 GW an neuen Kapazitäten geschaffen werden. Und das ist noch lange nicht alles: Zwischen 2010 und 2015 sollen weitere 60 GW hinzukommen. Zum Vergleich: Seit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 bis 2005 sind insgesamt nur 23,3 GW in Betrieb genommen worden.

Das Investitionsprogramm wird nach Schätzungen von Tschubais rund 3.100 Mrd. Rbl kosten. Wurden 2006 zirka 180 Mrd. Rbl für Investitionen eingesetzt, so werden diese 2007 schon auf 520,5 Mrd. Rbl steigen. Für 2008 sind 753 Mrd. Rbl und für 2009 und 2010 weitere etwa 820 Mrd. beziehungsweise 826 Mrd. Rbl vorgesehen. Eine der wichtigsten Quellen, um die Investitionen finanzieren zu können, wird die Kapitalbeschaffung über die Börse sein. Allein 2007 plant RAO EES Börsengänge für 15 Tochtergesellschaften. Davon werden Erlöse von 15 Mrd. US$ erwartet. RAO EES will aber nichts übers Knie brechen: Sollte der Markt diese große Menge an IPO (Initial Public Offering) nicht verkraften und keine angemessenen Preise anbieten, wird der Verkauf der Aktienanteile verlangsamt.

Investitionsprogramm im russischen Stromsektor: Geplante Inbetriebnahme neuer Erzeugungskapazitäten (in MW)
2006 2007 2008 2009 2010 2006 bis 2010
Wärmekraftwerke (OKG, TGK, RAO EES) 1.196 1.474 1.596 7.576 16.979 28.821
Kleine Wasser- und Wärmekraftwerke (GES, TGK) 2 110 161 96 125 493
Wasserkraftwerke (Gidro OGK) 56 696 477 1.548 2.152 4.929
Holding RAO EES, insg. 1.254 2.280 2.234 9.220 19.255 34.243
Andere 402 771 2.093 2.201 1.190 6.657
Insgesamt 1.656 3.051 4.327 11.421 20.445 40.900

Quelle: RAO EES, Anatolij Tschubais

Das Investitionsprogramm wird sich auf die Energiebilanz des Landes auswirken, die Anteile der zur Verstromung eingesetzten Brennstoffe werden sich verschieben. So soll Kohle deutlich mehr an Gewicht erhalten. Der Anteil wird von 27% im Jahr 2006 auf 29% im Jahr 2010 steigen. Ganze 37% sollen es dann 2015 sein. Der Verbrauch von Energiekohle wird 2010 um 38 Mio. t höher sein als 2006 (159 Mio. t gegenüber 121 Mio. t). Das wird dem Kohlebergbau einen spürbaren Impuls geben. Der Anteil von Erdgas soll dagegen zurückgefahren werden von 69% im Jahr 2006 auf 67% im Jahr 2010 beziehungsweise 60% dann 2015.

Ziel des Investitionsprogramms ist, modernste und effektivere Technologien und Verfahren einzusetzen: Gasdampfturbinen statt Dampfturbinen, zirkulierende Wirbelschichttechnologien bei Kohlekraftwerken, modernste Übertragungstechnik wie Flexible AC Transmission Systems, Supraleitungen und anderes. Bei der Wasserkraft soll Speicherkraftwerken Vorzug gegeben werden. Große Hoffnungen werden auf Gezeitenkraftwerke gesetzt. Hier verfüge Russland nach Meinung von Tschubais über ein einmaliges und zukunftsträchtiges Know-how. Wenn sich die Technologie als effektiv erweist, dann werde der Bau eines großen Gezeitenkraftwerkes mit 8.000 MW ins Auge gefasst. (W.L.)

 
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