| Investitionsboom in Russlands Zellstoff- und Papierindustrie | | Drucken | |
Ausfuhrzölle für Rohholz steigen drastisch / Starkes Engagement skandinavischer Konzerne / Von Gerit SchulzeMoskau (bfai) - Ab Juli 2007 wird es Ernst: Dann erhöht Russland schrittweise die Ausfuhrzölle für Rohholz. Mit der Maßnahme soll die Verarbeitungstiefe im Land forciert werden. Für die Papierindustrie scheint sich der Schritt schon jetzt auszuzahlen. Internationale und einheimische Konzerne überschlagen sich mit Investitionsmeldungen für die Branche. Das wird die Nachfrage nach Ausrüstungen für Zellstoff- und Papierfabriken in den nächsten Jahren deutlich nach oben treiben. Ab 1.7.07 erhöht Russland den Ausfuhrzoll für unbearbeitetes Holz von 6 auf 10 Euro je Kubikmeter. Bis 2009 soll die Abgabe auf 50 Euro steigen, was nach Ansicht von Branchenkennern den Export von Rohholz unrentabel macht. Genau das ist das Ziel der von der Regierung verordneten Strafzölle, mit denen die Wertschöpfung der Holz verarbeitenden Industrie im Land erhöht werden soll. Gleichzeitig bekommen Investoren, die mehr als 5 Mrd. Rubel (rund 140 Mio. Euro, Kurs am 3.5.07: 1 Euro = 34,98 Rubel) in die Holzverarbeitung stecken, Privilegien bei der Waldnutzung sowie Steuer- und Zollvorteile eingeräumt. Das könnte besonders positive Auswirkungen auf die Papierindustrie haben. Bislang importiert Russland große Mengen von Verpackungs- und Zeitschriftenpapier, weil die einheimischen Herstellern weder über ausreichend Kapazitäten verfügen noch die Qualitätsansprüche der Verbraucher erfüllen können. Bei warenfähigem Zellstoff (2,38 Mio. t) und Papier (4,0 Mio. t) stagnierte Russlands Produktion 2006 im Vergleich zum Vorjahr, bei gestrichenem Papier ging sie sogar um ein Viertel von 1,4 Mio. auf 1 Mio. t zurück. Bei der Kartonherstellung gab es ein Plus von 10% auf 3,45 Mio. t. Insgesamt kam die Branche damit 2006 auf ein Produktionsvolumen von mehr als 7 Mio. t Papier und Karton (+2,8% im Vergleich zu 2005). Die geringe Produktionsdynamik erklären Experten vor allem mit der Auslastung der Kapazitäten. Ein Großteil der Anlagen stammt aus den 1960er bis 1980er Jahren und ist längst veraltet. Der Verschleißgrad der russischen Papierindustrie wird auf bis zu 80% geschätzt, so dass der Branchenverband Bumprom die nötigen Investitionen bis 2015 auf 8 Mrd. US$ schätzt. Die Unternehmen fordern seit langem die Streichung der Einfuhrzölle für Maschinen und Ausrüstungen zur Papierherstellung. Für die Papierproduktion in Russland sprechen die günstigen Einkaufspreise für Rohholz, die niedrigen Energiekosten, das relativ geringe Lohnniveau und das enorme Potenzial des Binnenmarktes. Der Pro-Kopf-Verbrauch von Zellstoff- und Papierprodukten in Russland soll erst bei jährlich 38 Kilogramm liegen - lediglich ein Achtel des Verbrauchs in entwickelten Industrieländern. Die steigenden Einkommen werden auch für einen wachsenden Bedarf an Papierprodukten sorgen. Das befördert die Ausbaupläne in der Branche. Das Papierkombinat OAO ZBK Wolga in Balachna (Gebiet Nischnij Nowgorod) hat im Februar 2007 ein Investitionsprogramm über 500 Mio. Euro bis 2012 bekannt gegeben. Dazu gehören Fertigungslinien für bis zu 300.000 jato Zeitungspapier sowie zur Herstellung von Sulfitzellstoff (Kapazität: 140.000 jato). Daneben ist eine Anlage zur Altpapierverwertung und die Produktion von 30.000 jato Sanitär- und Hygienepapier geplant. Ebenfalls im Gebiet Nischnij Nowgorod plant die schwedisch-finnische Stora Enso eine Fabrik für 1 Mio. jato Zellstoff und 500.000 t gestrichenes Papier. Die nötigen Investitionen werden mit 500 Mio. US$ angegeben. Die finnische Ruukki Group baut ab 2008 in der Region Kostroma ein CTMP-Werk (chemi-thermomechanical pulp). Dort könnten bis zu 500.000 t Faserstoffe für die Papierproduktion pro Jahr hergestellt werden. Zwei Zellstoff-Fabriken bei Krasnojarsk plant nach Angaben der Gebietsverwaltung die schwedische Södra-Gruppe. Das erste Werk entstehe demnach ab 2008 im Bogutschanskij rajon für knapp 1 Mrd. US$ (Kapazität: 720.000 jato). Bis 2011 sollen im Jenisejskij rajon die Bauarbeiten für ein zweites Zellstoffkombinat in einer ähnlichen Größenordnung beginnen. An beiden Vorhaben ist die russische Wneschekonombank als Geldgeber beteiligt. Auch chinesische Unternehmen interessieren sich für den sibirischen Markt. In Ust-Kut nördlich von Irkutsk plant Shandun Bo Zhenyuan eine Zellstoff- und Holzwerkstoff-Fabrik für 2 Mrd. US$, wie die Gebietsverwaltung mitteilte. Außerdem sollen die chinesischen Evrope-Asia sowie Asia Pulp and Paper Co. Investitionen von 500 Mio. US$ bzw. 1 Mrd. US$ in zwei weitere Zellstoff-Fabriken in der Oblast Irkutsk planen, berichteten russische Presseagenturen. Die finnische Metsäliitto-Gruppe erwägt laut russischen Zeitungsmeldungen den Bau eines Zellstoffwerkes im Gebiet Wologda für über 1 Mrd. Euro. Für das Vorhaben sei derzeit eine Machbarkeitsstudie in Arbeit, erklärte ein Unternehmensvertreter auf Anfrage. Russland ist für den Konzern bislang nach Finnland der wichtigste Rohstofflieferant. Jährlich bezieht Metsäliitto bis zu 3,5 Mio. cbm Holz aus den Regionen Karelien, Sankt Petersburg, Nowgorod und Wologda. Die österreichische Andriz AG und die norwegisch-estnische Estonian Pulp wollen im 2. Halbjahr 2007 mit dem Bau einer Papierfabrik bei Pskow beginnen. In dem Werk sollen jährlich 600.000 t Zellstoff produziert werden. Außerdem ist eine Kartonfabrik geplant, in der 30% des Zellstoffs verarbeitet werden. In die Kartonherstellung investiert auch Stora Enso Oyj. Bis Anfang 2008 entsteht südöstlich von Moskau entsteht ein drittes Wellpappewerk für 150 Mio. qm Verpackungsmaterial pro Jahr. Die Gotek-Gruppe ( http://www.gotek.ru) will bis 2011 rund 210 Mio. Euro in die Verarbeitung von Altpapier stecken, aus dem später Wellkarton produziert werden kann. Das neue Werk in der Region Tula soll eine Jahreskapazität von 230.000 t Papier haben und vor allem Papierabfälle aus dem Großraum Moskau recyceln. Nach Gotek-Angaben hat Altpapier bei der Kartonherstellung in Russland erst einen Anteil von 30%. Weltweit liege dieser Wert bei 70%. Die Holding berichtet über zunehmende Engpässe bei der Rohstoffversorgung, weshalb die Altpapierverwertung verstärkt auf die Tagesordnung rücke. Gotek ist einer der führenden Verpackungshersteller in Russland. Erst im April 2007 hat das Unternehmen in Nowomoskowsk (ebenfalls Gebiet Tula) eine neue Wellpappefabrik in Betrieb genommen, in der auch deutsche Technik von BHS, Signod und BVG zum Einsatz kommt. Bis 2009 sollen weitere zwei Fabriken in Zentralrussland und in der Leningrader Oblast mit einer Jahresleistung von 300 Mio. qm Wellkarton entstehen. Bereits im Bau befindet sich ein neues Wellpappewerk der Ilim Pulp-Gruppe in Kommunar (Leningrader Oblast). Es ist eine von fünf geplanten Fabriken des Konzerns, mit denen Ilim Pulp zu den führenden Herstellern von Wellpappe in Russland aufsteigen will (Gesamtkapazität: 700 Mio. qm pro Jahr).
*) Prognosen des Industrieministeriums Quellen: Staatliche Statistikbehörde, Kommersant Business Guide
Quelle: Föderaler Zolldienst (S.Z.) |
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